Wiener Kaffeehauskultur

Foto: Mike Kenneally / Unsplash
ESSEN & TRINKEN

veröffentlicht von Thomers

10. April 2016

ESSEN & TRINKEN

In der Wiener Kaffeehauskultur spielt nicht nur der schwarze Nektar der Götter eine Rolle, man wird dort auch Zeuge von Kreativität in seiner pursten Form.

Kaffee wird von vielen als das schwarze Gold verehrt. Nicht unbegründet, denn wenige Menschen können sich den Start in den Tag ohne das koffeinhaltige Getränk vorstellen. Aber auch am Nachmittag wird er gern in den verschiedensten Formen getrunken: Mit Milch und Zucker, schwarz oder braun, meist zu einer Mehlspeise oder einer Tschick. Mit Wien ist der Kaffee eine besondere Liebesbeziehung eingegangen, denn die österreichische Hauptstadt ist der wahre Geburtsort der Kaffeehäuser. Viele Touristen verbinden Österreich vor allem mit der Wiener Kaffeehauskultur. Grantige Kellner, Zigarettenrauch und Kaffeehausliteratur sind nur einige Stichworte, die einem auf Anhieb einfallen, wenn man das Wort „Kaffeehaus“ hört. Stimmen die Vorurteile? Nun ja, teilweise. In den folgenden Zeilen erfahrt ihr ein paar Dinge über Wiens Residenz der inneren Ruhe.

Kostbarer Schatz

Obwohl die Wiener Kaffeehauskultur mittlerweile Weltberühmtheit erlangt hat, ist Wien nicht die Stadt, die das erste Kaffeehaus eröffnete, jedoch verstand es kein anderer Ort besser, diese Kunst zu verfeinern. Weit vor der Entstehung des ersten Wiener Cafés, gab es in Mekka bereits etliche Einrichtungen dieser Form. Die ersten europäischen Institutionen wurden in Italien und England errichtet. Erst dann zog Wien nach. Die Geschichte des Wiener Cafés beginnt mit dem Ende der Türkenbelagerung. Laut einer Legende fanden sich damals unter der Kriegsbeute geheimnisvolle schwarze Bohnen, in denen ein österreichischer Soldat ein Geschäft witterte und somit das erste Kaffeehaus Wiens eröffnete. Tatsächlich soll aber ein armenischer Spion in den 1680er Jahren das erste Stadtcafé gegründet haben. Dieser war aufgrund seiner Herkunft mit der Zubereitung der Bohnen vertraut. Die Innovation das schwarze Gebräu mit Milch und Zucker zu vermengen, machte den Kaffee bei den Wienern so richtig beliebt und verhalf ihm zu seinem verdienten Durchbruch. Eigenheiten, die es nur in der österreichischen Hauptstadt gab, waren zum Beispiel das Glas Wasser, das man zum Kaffee bekam und die Möglichkeiten Billard oder Karten zu spielen. Untrennbar vom Wiener Kaffeehaus ist auch die riesige Auswahl an Zeitungen, die man dort gebührenfrei studieren kann. Anders als in vielen Wirtshäusern, wo man das Gegröhle des alkoholisierten Volkes zu hören bekommt, werden deine Ohren hier von sanftem Zeitungsrascheln verwöhnt.
Klassiker wie die Melange, der Große Braune oder der Verlängerte erfreuen sich heute großer Beliebtheit. Wenn dir das Ganze zu Mainstream ist, kannst du dir auch einmal etwas Originelleres zu Gemüte führen, indem du dir beispielsweise einen Fiaker (Mokka mit Rum) bestellst.

In Cafaeum Veritas

Das Kaffeehaus ist ein Ort der Entspannung, es weckt Inspiration in einem. Gerade deswegen ist es eine Wohlfühloase, an der Künstler ihrem Tatendrang nachgehen. Es ist der Ort der Dichter und Denker und wurde sogar zum immateriellen Kulturerbe Österreichs ernannt. Selbst Mozart vertrieb sich hier seine Freizeit und Johann Strauß jun. gab dort einige Konzerte. Im Biedermeier wurde das Wiener Kaffeehaus als „Inbegriff der Lebensqualität“ bezeichnet.
Es war vor dem heutigen Konsumzwang üblich, stundenlang bei einem Kaffee zu sitzen und verschiedenste Zeitungen zu studieren. Auch Schriftsteller waren oft ein Teil des Publikums und wurden während ihres Aufenthaltes buchstäblich dazu genötigt, in ihrem kreativen Schöpfungsprozess nicht nur von der Muse geküsst zu werden, sondern gleich den Beischlaf mit ihr zu vollziehen. Beweise dafür finden sich heute in der sogenannten Kaffeehausliteratur, in welcher einige sehr bekannte Vertreter Anerkennung fanden. Auch Maler (unter anderem Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka) fanden in den Wiener Stadtcafés ihre Inspirationsquelle. Das Kaffeehaus hat sich außerdem auch in der österreichischen Musikgeschichte verewigt. In Georg Danzers „Jö schau“ geht es um einen Flitzer, der im Café Hawelka für Aufsehen und Polarisierung sorgt.

Auch Gustav Klimt sah im Kaffeehaus eine Inspirationsquelle. Foto: Wikimedia

Du triffst hier auf alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen. Kartenspielende Pensionisten, Geschäftsmänner, die ihre Meetings abhalten oder die Runde aus dem Buchklub, die ihren zuletzt gelesenen nervenaufreibenden Liebesroman bei einer Tasse Kaffee bespricht. Und wenn dich die genannten Parteien nicht gerade überzeugen konnten, dann können wir dir noch eine Personengruppe nennen, in der du dich möglicherweise sogar selbst wiedererkennen könntest: Schwänzende Schulkinder. Egal ob jung oder alt, hier weiß man, dass es keinen besseren Ort gibt, um dem Alltag einmal gepflegt eins auszuwischen. Neben den vielen Touristen triffst du auch auf Unmengen an Studenten, die immer wieder darauf schwören würden, dass sie hier einen sehr wertvollen Lernplatz entdeckt haben. Das bunte Treiben verrät uns, dass nicht nur im Wein die Wahrheit liegt. Denn wie sonst hätten die Schriftsteller ihr Genie hier zu Buche bringen können?

Foto: Twanga Dunga / Flickr

Wiener Kaffeehauskultur vs. Waldviertler Wirtshaus

Was für den Wiener das Kaffeehaus ist, ist für den Waldviertler das Wirtshaus. Auch wenn es im Waldviertel vereinzelt Kaffeehäuser gibt – wenn es dem Mensch vom Lande nach einer kurzen Auszeit gelüstet, trifft er sich mit der Stammtischrunde doch eher im Wirtshaus seines Vertrauens. Bei einem kühlen Bier setzt man sich zusammen und fühlt die Brüderlichkeit, umgeben von Zigarettenqualm und gesprächsfreudigen, fröhlichen Kameraden.
Wie wir ja alle wissen, ist Wien die Stadt der Grantler, so hält sich auch das hartnäckige Gerücht, dass die Kellner im Kaffeehaus immer schlecht gelaunt sind. Am besten bildet man sich selbst ein Urteil darüber. Grantige Kellner gibt es überall, nicht nur im Kaffeehaus. Vielleicht werden sie aber hier einfach leichter akzeptiert, weil es schlicht zum Charme dieser Einrichtung gehört. So ist im Café die Stimmung vielleicht nicht ganz so ausgelassen wie im Stammwirtshaus, ein Bier oder ein Achterl Wein bekommst du dort aber allemal. Zum Kartenspielen trifft man sich auch, prinzipiell geht es aber in den Kaffeehäusern eher etwas leiser und zivilisierter vonstatten, als du es von den typischen Waldviertler Wirtshäusern gewohnt bist. Was das Essen betrifft, wirst du hier definitiv nicht enttäuscht. Die Standardangebote beinhalten unter anderem Gulasch, Würstel, Toast, Eierspeis oder Tafelspitz. Ein deftiges Frühstücksangebot gibt es zum Beispiel im Café Hummel, wo man Gulasch mit einem Pfiff um 6,90€ serviert bekommt. So einfach kannst du dir ein Stück Heimat nach Wien holen. Absolut empfehlenswert sind auch die berühmten Buchteln aus dem Café Hawelka. Was das Preisniveau betrifft, sind die meisten Kaffeehäuser nicht allzu überteuert. Eine Melange bekommst du in einem Großteil der Lokale um drei bis vier Euro. Wenn du deinen Kaffee allerdings gerne in einem etwas gehobenerem Milieu kredenzt bekommst, kann es hingegen durchaus sein, dass du schon mal knappe sechs Euro für ein Tässchen hinblättern musst.

Das Ding mit dem Rauchen

Vor den Nichtrauchergesetzen waren die Kaffeehäuser ein Paradies für jeden Raucher. Es wurde gequalmt bis zum Gehtnichtmehr. Zum Kaffee oder zum Bier gehörte einfach die obligatorische Tschick. Was vielen Leuten einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, sind die vor ein paar Jahren eingetretenen Nichtrauchergesetze. Sehr viele Menschen (darunter sowohl Inhaber als auch Kunden) meinen, dass dadurch der ganze Flair der Wiener Kaffeehauskultur verloren gegangen ist, andere wiederum erfreuen sich über den Wechsel. Die meisten Kaffeehäuser wurden dadurch in Raucher und Nichtraucherbereiche aufgeteilt oder wurden eine einzige große Nichtraucherzone. So mancher Raucher behauptet ein Kaffeehaus ohne Zigaretten sei wie ein Bordell ohne Sex. Das ist zum Glück wie so vieles im Leben Geschmackssache. Milieubedingte Unmutsäußerungen sind aber im Leben des Österreichers generell nicht selten. Wir regen uns nunmal furchtbar gerne auf.

Die Seele baumeln lassen

Wenn das erste, das dir einfällt, wenn du Kaffee hörst, Starbucks ist, bist du in einem Kaffeehaus eindeutig fehl am Platz. Hier bekommst du nämlich nicht den überzuckerten Kaloriencocktail sondern echten, unverfälschten Kaffee. Und wer mit den schwarzen Bohnen einen doppelten Frappuccino mit extra Zucker und Schokolade assoziiert, überlegt am besten zweimal, ob er so etwas tatsächlich Kaffee nennen will. Die Qualität des Wiener Kaffees ist nicht immer außerordentlich überragend, aber darum geht es hier auch eigentlich nicht. Natürlich spielt die schwarze Flüssigkeit eine tragende Rolle, aber ins Kaffeehaus geht man nicht, weil man sich die Crème de la Crème des dunklen Gebräus erwartet, sondern in erster Linie um sich eine Auszeit vom Alltagstrott zu nehmen.

Foto: Wikiemedia

Du kannst dort entweder mit Freunden entspannen, oder einfach alleine die Atmosphäre genießen und beim Durchstöbern der Zeitungen Erfüllung finden. Es eignet sich gut, um Diskussionen zu führen, um Entscheidungen zu treffen und ja, manchmal sogar auch um zu arbeiten. Um sich im geistigen Sinne gegenseitig zu befruchten, um den Kopf frei zu bekommen, um die innere Leinwand neu zu streichen. Es ist eine Institution, die du als Waldviertler (oder als jeder andere Mensch) auf jeden Fall frequentieren solltest, und danach bestimmt auch nicht mehr missen möchtest. Du kannst hier gemütlichst tratschen und dabei schon mal die Zeit vergessen. Oder einfach nur in die Luft schauen. Es bleibt ganz und gar dir überlassen, aber eines findest du hier mit Sicherheit nicht: Stress. Deshalb kann es durchaus sein, dass du mal etwas länger auf deine Bestellung warten musst. Mach dir keinen Kopf, und lehn dich erstmal zurück. Es wird sich schon alles von selbst regeln. Und wer weiß, vielleicht hat sich deine kreative Ader ja bis jetzt versteckt, und wartet nur auf den richtigen Moment, um in vollem Glanz zu erstrahlen. Das Kaffeehaus ist quod erat demonstrandum der Ort, an dem nichts mit deiner Muse interferiert.

Kaffeehäuser, die für uns den Alltagsstress um ein Vielfaches erträglicher machen:

Café Hawelka
Dorotheergasse 6
1010 Wien

Café Ritter
Mariahilfer Straße 73
1060 Wien

Café Hummel
Josefstädter Straße 66
1080 Wien

Café Griensteidl
Michaelerplatz 2
1010 Wien

Café Schopenhauer
Staudgasse 1
1180 Wien

Café Prückel
Stubenring 24
1010 Wien

Wenn das Kaffeehaus Sperrstunde hat, bleibt dir immer noch der Würstelstand.

 
Zwettler Zwickl
 

veröffentlicht von benji

10. April 2016

ESSEN & TRINKEN
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