Der Wiener Würstelstand

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ESSEN & TRINKEN

veröffentlicht von Thomers

4. April 2016

ESSEN & TRINKEN

Der Wiener Würstelstand lockt Gäste aller Art mit verführerischen Gerüchen und Auslagen an. Hier geht es sprichwörtlich um die Wurst.

Der Würstelstand schreibt Geschichte

Gegründet wurde die heilige Institution des Würstels in der k. u. k. Monarchie, um Einkommen zu sichern. Es handelte sich damals allerdings um mobile Stände, die auf Rädern ihren Ort wechseln konnten. Österreichisches Essen in Fast-Food-Form gibt es also schon seit geraumer Zeit. Heute wird der Würstelstand fest verbaut und hat Einzug in den fixen Bestandteil jeder österreichischen Großstadt gehalten. Kein Österreicher kann behaupten, noch nie eine Würstelbude gesehen zu haben. Der Würstelstand ist ein fixer Stern an unserem Kulturhimmel, das wissen die Waldviertler ebenso wie die Wiener. Egal aus welchem Eck der Republik man auch kommen mag, hier sind sich alle einig. Das Würstel dient als Verbindungsstück der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die postmoderne Imbissbude ist ein Paradies, in dem das Bier aus Dosen fließt.

Ansehnliches Angebot

Wenn der Österreicher einen Würstelstand erblickt, fühlt er sich umgehend geborgen. Die kleinen Buden sind schön anzusehen und gehören zum natürlichen Lebensraum des österreichischen Menschen. Wie das typische Sortiment an einem Würstelstand aussieht, wird den meisten geläufig sein. Der Vollständigkeit halber wollen wir hier aber trotzdem noch kurz anführen, was man dort so alles aufgetischt bekommt.
Die breitgefächerte Auswahl so eines Standes bietet alles, was das Herz des Wurstliebhabers begehrt. Der gefüllte Darm wird in verschiedensten Variationen verkauft: Frankfurter, Käsekrainer, Debreziner, Bosna, Burenwurst oder Waldviertler. Neben den traditionellen Angeboten gibt es an den meisten Ständen auch noch Spezialitäten, die euch als Waldviertler im Großstadtdschungel zwischen amerikanischen Fast Food Buden und Dönerläden das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Zum Beispiel Leberkäse oder Schnitzelsemmeln. Dass Gemüse gesund ist, weiß auch der Wurstverkäufer. Deshalb bietet er dieses in eingelegter Form als Essiggurkerl, Silberzwieberl oder Pfefferoni an. Beilagen sind neben Gemüse auch in Form von Brot oder Semmeln zu finden. Zum Trinken gibt es klassisch den allseits beliebten Hopfenblütentee oder Spritzer aus der Plastikflasche. Gelüstet es dir nicht nach Alkohol, bekommst du dort natürlich auch Cola, Eistee, Almdudler oder andere Kracherl. Man sieht, der Würstelstand ist alles andere als einfältig. Was zweifellos auch sofort auffällt, ist, dass der Austro-Fresstempel keinen Gesundheitsfreak beeindrucken wird. Das hat er allerdings auch nicht nötig, denn auch wenn der Frankfurter-Olymp ein Ort der ewigen Vitaminfinsternis ist, erfreut er sich sehr großer Beliebtheit.

Foto: Andrew Nash

Attraktive Öffnungszeiten

Die Tatsache, dass einige Stände bis spät in die Nacht geöffnet haben bzw. bereits früh am Morgen aufsperren, macht den Wurstpalast zu einem Hotspot für Nachtschwärmer, die auf ihrer Suche nach einer warmen Mahlzeit, um ihre innere Leere zu füllen, einen Moment wahrer Erfüllung erleben. Um dies besser zu veranschaulichen, versetze man sich nun in folgendes Szenario: Es ist Freitagabend, du bist gerade auf dem Heimweg. Die Erinnerungen an die heutige Nacht verblassen allmählich, sie sind nichts weiter als langsam dampfender Zigarettenrauch der an die Decke steigt und dort schleichend unsichtbar wird. Geleitet vom nächtlichen Übermut machst du eine interessante Beobachtung: dein Mobiltelefon wählt wie von Zauberhand die Nummer deiner/s Ex. Weil du nichts anderes tun kannst, als tatenlos zuzusehen und diese Qual über dich ergehen zu lassen, fällt dir in der Hitze des Gefechts ein, dass du sie/ihn bei der Gelegenheit eigentlich gleich wissen lassen könntest, dass du ganz gut ohne sie/ihn zurechtkommst. Irgendwie fühlst du aber trotzdem diese Leere in dir. Du versuchst ihr/ihm das Gefühl näher zu erläutern und beteuerst, dass es ganz bestimmt nicht an ihr/ihm liegt. Plötzlich erspähst du einen Würstelstand vor deiner Nase und deine Zunge beginnt sich langsam auszurollen. Dein/e Ex versucht sich widerwillig in das Gespräch einzubringen, aber du hörst schon längst nicht mehr zu. Die Lösung all deiner Probleme steht genau vor dir. Absolut nichts ist mehr von Bedeutung, die Vernunft ist dem Nihilismus gewichen. Gerade als dein Gesprächspartner in Fahrt kommt, besinnst du dich für einen kurzen Augenblick. Du nutzt den brüsken Moment der Klarheit und legst mitten im Satz auf, denn du weißt, dass nichts das Loch einer zehrenden Freitagabendmelancholie besser füllen kann, als eine frische Wurst vom Grill. Und im Zuge des Aktes der Verspeisung der selbigen, fällt dir auf, weshalb du dich so leer gefühlt hast. Es hatte rein gar nichts mit deiner dahingeschwundenen Liebe zu tun, du hattest natürlich einfach nur Hunger. Zusätzlich bist du auf eine sehr wertvolle Person gestoßen. Der Würstler bietet sich bestens als Rettungsanker in Form der Bezugsperson Nummer eins an, an die du dich jederzeit wenden kannst, wenn du jemandem zum Reden brauchst. Aber dazu später mehr.

Andere Länder, andere Sitten

Wenn der deutsche Wurstdilettant am Würstelstand ein „Wiener Würstchen“ bestellt, bekommt er als Antwort ein abfälliges Lachen vom Standbesitzer. Hierzulande nennt man sie Frankfurter. Aber warum sagt der deutsche Landsmann eigentlich Wiener und der Österreicher Frankfurter? Ganze einfach. Die Frankfurter wurden von einem in Frankfurt ausgebildeten Metzger in Wien erfunden. In Deutschland ist die Bezeichnung „Frankfurter“ geschützt. Jedes Würstel, das nicht aus Frankfurt am Main kommt, darf sich dort auch nicht so nennen. Deshalb heißen sie bei den Deutschen schlicht und einfach Wiener Würstchen.
Was auch immer wieder für ein Schmunzeln bei Wurstverkäufern sorgt und dich automatisch als Nichtwiener outet, ist die Phrase „a Eitrige mit an Bugl und a 16er Blech“. Kein Wiener bestellt auf diese Art und Weise seine Wunschmahlzeit, also tut der Menschheit einen Gefallen und unterlasst es. Diese überaus kreative und einfallsreiche Art des Bestellens wurde durch Touristenführer überall verbreitet und dadurch schnell ins Lächerliche gezogen. Die Käsekrainer ist übrigens der absolute Topseller am Würstelstand. Sie wird traditionell mit Brot und Senf serviert (wahlweise süß oder scharf) und ist eine österreichische Erfindung. Um gefährliche Brandverletzungen zu vermeiden, wird diese meist geschnitten ausgehändigt, damit deine unmittelbaren Standnachbarn nicht einer kochend heißen Käsefontäne zum Opfer fallen, wenn du genüsslich hineinbeißt. Neben Käsekrainern, Hot Dogs und Bratwürsten bieten die Wiener Würstelstände, wie bereits oben erwähnt, ein wahrhaftig kulinarisches Universum an. Um diese Wunderwerke runterzuspülen, bekommt man traditionell ein Bier gereicht, für die Abstinenzler unter euch gibt es aber natürlich auch alkoholfreie Getränke.

Ein Beispiel, wie so ein Sortiment aussehen kann.

Auch außerhalb von Österreich findet der Würstelstand Anklang. Er ist Fixpunkt in jedem Touristenführer Wiens und wenn man Menschen aus aller Welt fragt, was sie mit Österreich verbinden, werden mit ziemlicher Sicherheit die Worte „Würstelbude“ oder „Kaffeehaus“ fallen. Auch Promis (darunter unter anderem Campino von den Toten Hosen oder Thomas Gottschalk) beteuern, dass sie diese Einrichtung bei keinem ihrer Wien-Besuche missen möchten. Kein Wunder, denn Würstel sind typisch österreichisches Fast Food und in dieser Form fast nirgendwoanders auf dem Planeten zu finden. Der unverkennbare Geschmack einer gegrillten oder gekochten Wurst brennt sich tief in die Gedanken eines jeden Kosters.

Ein Stück Heimat

Das Waldviertel ist natürlich auch über die Bundesländergrenzen hinaus bekannt. Seinen wohlverdienten Erfolg findet es an den Würstelständen in den sogenannten „Waldviertlern“. Eine Waldviertler ist eine dunkle, geräucherte Wurst, die auch als Würstel, abgefüllt in einer dicken Haut, erhältlich ist. Klassisch isst man auch diese meisterliche Komposition mit Senf und Kren. Das Waldviertel wurde zum Namensgeber, weil es vor allem für seine deftige Küche bekannt ist. Der einzigartig rauchige Geschmack dieser Wurst ist nicht etwas für jeden, probiert haben sollte man sie aber zumindest einmal. Und als Waldviertler noch nie eine Waldviertler gegessen zu haben, ist ohnehin ein No-Go. Bevor diese Wurst ausgehändigt wird, wird sie meist kurz in Wasser erhitzt. Die illustrative Würze dieses Gerichts, spiegelt unsere Einzigartigkeit wieder. Ein Waldviertler lässt sich selbst in einer Großstadt nicht unterkriegen. Dieses Meisterwerk ist das perfekte Beispiel dafür, dass es schon etwas mehr braucht, um einem echten Landmenschen den Mund zu verbieten. Unsere Traditionswurst hat sich nahezu an allen österreichischen Ständen etabliert und ist somit fast überall erhältlich, wo es Würstel zu kaufen gibt. Darauf kann man stolz sein.

Der Würstler als Bezugsperson

Der volle Geschmack eines echten Würstels entfaltet sich erst, wenn sich der Alkohol in deinem Kopf breitgemacht hat und deinem Bauch unablässig befiehlt, sich jetzt unbedingt noch eine warme Mahlzeit in den Wanst zu schlagen. Mit vollem Magen schläft es sich besser. Und die Geschichten, die dabei entstehen, wirst du nirgendswo anders auf dieser weiten Welt erleben. Am späten Abend und im Morgengrauen findet sich die Bevölkerung zusammen, um dem Würstler bei äußerst schön und genussvoll anzusehendem Verspeisen der länglichen Fleischmischung die Erlebnisse des heutigen Abends zu berichten und ihm das Herz auszuschütten. Eine bessere Bezugsperson hätten sie hier nicht finden können. Aufgrund seiner Öffnungszeiten ist der Würstelstandbesitzer schon von der Entstehungszeit dieses Bereichs an oft mit angeheitertem Klientel konfrontiert. Fett trifft es hier in jeder Beziehung, nicht nur was die Würstel anbelangt. Deshalb wird in diesem Berufsfeld auch die Fähigkeit des Zuhörens erfordert. Wer einen Würstelstand in Wien eröffnen will, braucht unseres Erachtens nach mindestens eine zusätzliche psychologische Ausbildung. Auch wenn die beratenden Antworten des Würstlers meist nur kurz sind, und in kleinen Portionen in Form des klassischen Wiener Schmähs ausgehändigt werden, steckt unglaublich viel Weisheit und Wahrheitsgehalt in ihnen. Wenn du spätabends nicht mehr weiter weißt, ist er immer da, um von dir konsultiert zu werden. Natürlich sorgt sich der Standbesitzer auch um dein Wohlergehen. Hin und wieder reicht er dir prophylaktisch einfach das nächste Bier, anstatt diesen besonderen Moment mit Worten kaputt zu machen, weil er nun mal schlicht und ergreifend weiß, was gut für dich ist. Außerdem hat er auch ein Herz für Vegetarier, denen er lächelnd Mannerschnitten oder Essiggurkerl anbietet, wenn sie ihn fragen, ob es denn auch etwas ohne Fleisch gibt. Alles in allem sind (die meisten) Würstelstandbesitzer mit sehr viel Witz und Bodenständigkeit ausgestattet und deshalb wirklich in Ordnung.

Foto: Flickr / Filedump

Um euch einen Vorgeschmack auf das zu geben, was euch erwartet, werde ich euch nun zwei Auszüge aus meinen nächtlichen Erlebnissen an den Wiener Würstelständen zum besten geben. Der erste handelt von einem Mann, der nach seinem Junggesellenabschied den Abend am Würstelstand ausklingen lies. Ich (ebenfalls etwas angeheitert) traf ihn auf meinem Heimweg, als ich mir noch eine nächtliche Stärkung gönnen wollte. Nachdem er das Verlangen nach Speis und Trank gestillt hatte und einige Bier spendierte, versicherte er dem Standbesitzer und der davor versammelten Menge, dass er noch nie so viel nette Leute auf einem Haufen getroffen hatte. Daraufhin beschloss er sich, ohne einen mir erfindlichen Grund, seiner Kleidung zu entledigen. Vorsichtig zog er sich bis auf die Unterwäsche aus, nahm seine Montur, legte diese sorgfältig zusammen und lies sie dem Würstler auf der Budl liegen. Nur mit Schuhen und Unterhose bekleidet und mit seinen Wertsachen in der Hand machte er sich schließlich auf den Weg. Gesehen habe ich ihn seit diesem Tag nicht mehr, aber ich bin mir sicher, dass er wohlbehütet nachhause gekommen ist.
Im Grunde ist es mir immer wieder eine Freude, den philosophischen Gesprächen des alkoholisierten Volkes beizuwohnen, das sich spätnachts vor der Grillwurstinstitution versammelt. Ganz egal, ob Teile des besagten Volkes nun hauptberuflich an der Supermarktkassa oder im Großraumbüro sitzen, es trifft sie alle gleichermaßen. Der Wurstpalast kennt keine Klassenunterschiede, und gerade das macht ihn für mich zu einem Werk wahrer Ästhetik. So trafen wir, als wir vor nicht allzu langer Zeit am frühen Morgen das Fortgehen mit einem Würstelstandbesuch besiegelten, auf einen netten Herren, der sich gerade seinen morgendlichen Spritzer aus der Plastikflasche gönnte, bevor er seinen Arbeitstag begann. Er erzählte uns, dass er gerade einen neuen Plattenladen eröffnet hatte. Euphorisch unterhielten wir uns über Vinyl-Platten, Frauen und den Sinn des Lebens. Darüber, dass er schon Freundinnen aus ganz Österreich hatte, die ihm Kinder beschert hatten, und darüber, dass er derzeit wieder allein ist, weil die richtige einfach noch nicht dabei war. Wir schafften es, stundenlang (zumindest kam es mir so vor) über die belanglosesten, aber auch über durchaus wichtige Themen zu diskutieren. Als wir dann beschlossen zu gehen, bot er uns an, ihn einmal in seinem neuen Laden zu besuchen. Der Morgen endete damit, dass wir den halben Naschmarkt in einen Aufstand versetzten. Wie wir das genau angestellt haben, ist mir bis heute nicht vollkommen bewusst, aber das ist ohnehin eine andere Geschichte.

Eine Rechnung, die du noch gut genug kennenlernen wirst, und definitiv eine, die immer aufgeht.

Eine Rechnung, die du noch früh genug kennenlernen wirst, und definitiv eine, die immer aufgeht.

Was ist letzte Nacht am Würstelstand passiert? Nun, diese Frage ist nahezu so alt wie die Menschheit selbst, und vielen bis heute noch ein Rätsel. Hin und wieder werden Beweise für die nächtlichen Taten gefunden. Ein eklatanter Senffleck auf der Jacke oder Reste der Wurst in Hosen- und anderen Taschen lassen mutmaßen: gestern habe ich wieder einen Abstecher in das Paradies gemacht, in dem Bier und Spritzer fließen. Dass das ein Mysterium mit offenem Ende bleiben wird, wirst du noch am eigenen Leib erfahren.

 

Hier noch eine Liste unserer persönlichen Lieblingswürstelbuden:

Alles Walzer, Alles Wurst (hier wurde angeblich die Käsekrainer erfunden)
Quellenstraße 84
1100 Wien

Würstelstand am Hohen Markt
Hoher Markt
1010 Wien

Leo (ältester Würstelstand Wiens)
Döblinger Gürtel 2
1090 Wien

Würstelstand am Südtiroler Platz
Oberlaaer Strasse 26
1100 Wien

Zum Scharfen Rene
Schwarzenbergplatz 15
1010 Wien

Wenn ihr die ein oder andere lustige Anekdote zum Wiener Würstelstand euer Eigen nennen könnt, dann schreibt sie doch in die Kommentare. Nur keine falsche Scheu!

 
Zwettler Zwickl
 

veröffentlicht von Thomers

4. April 2016

ESSEN & TRINKEN
In der Wiener Kaffeehauskultur spielt nicht nur der schwarze Nektar der Götter eine Rolle, man wird dort auch Zeuge von Kreativität in seiner pursten Form.