Austro Pop in Wien - Teil I

Drei Austropop Legenden.
FREIZEIT & SPORT

veröffentlicht von Thomers

29. November 2019

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Austropop ist ein Genre, das mit Sicherheit nicht jeden überzeugt. Obwohl sich die Bedeutung des Begriffs im Laufe der Jahre gewandelt hat, wird er wohl jedem Österreicher geläufig sein.

Zu Beginn der Entstehung wurde kommerziell erfolgreiche Musik mit Mundarttexten dem Austropop zugerechnet. Die erfolgreichsten Vertreter dieser Frühdefinition sind mit Abstand die legendären Austria 3: Georg Danzer, Wolfgang Ambros und Rainhard Fendrich. Heute wird die gesamte Populärmusik, die aus Österreich kommt als Austropop bezeichnet, die Sprache der Texte ist dabei egal. Wer diesen Artikel zum Erscheinungszeitpunkt liest, ist ein aktueller Zeitzeuge und kann sich somit glücklich schätzen, denn das Genre erlebt gerade ein neues Hoch. Bekanntestes und aktuellstes Beispiel hierfür wären Bilderbuch, die sich international großer Beliebtheit erfreuen und musiktechnisch eher im Indie/Art-Pop zuhause sind. Von klassischen Liedermachern wie Georg Danzer und Co. also doch ein wenig entfernt.

Drei Austropop Legenden.

Ihr seht, der Begriff des Austropop ist dehnbar. Wenn beim Lesen dieser Artikelserie der Hass in euch aufsteigt, weil ihr der Meinung seid, ein ausgewähltes Lied sei nicht dem Genre des Austropop zuzuordnen, beschwert euch bitte nicht. Wir sehen die Definition nicht so eng. In dieser Serie ist mit dem Begriff „Austropop“ jede Art von Musik gemeint, die aus Österreich kommt und irgendwann mal populär war. Es soll jedoch weniger um den Austropop per se und seine kulturhistorische Geschichte gehen, auch wenn diese unheimlich interessant wäre und man damit wahrscheinlich mehrere Artikel füllen könnte. Wir haben den Fokus auf Wien gelegt, und einen Ausflug zu den Plätzen gemacht, die in den Songs der Künstler ein Vermächtnis gefunden haben. Wer weiß, vielleicht lässt sich ja durch  genauere Analyse der Texte etwas neues entdecken. Wenn nicht, auch egal.

Eines sei vorweg noch gesagt: Der Liedtext zählt zur Werkgattung der Lyrik. Wer sich mit Linguistik auskennt, weiß das natürlich. Man muss auf dem Gebiet nicht sonderlich bewandert sein, um auch zu wissen, dass der Autor eines lyrischen Werks keinesfalls mit dem lyrischen Ich im Text gleichzusetzen ist. Um auf zu viele Wortwiederholungen zu verzichten, tun wir aber an manchen Stellen genau das. Es sei uns verziehen.

Begleitet uns nun auf eine musikalische Reise durch Österreichs Hauptstadt.

Es lebe der Zentralfriedhof

„Die Szene wirkt makaber“ heißt es in einer Zeile des Kultklassikers „Es lebe der Zentralfriedhof“ von Wolfgang Ambros. Und das ist sie auch. Makaber und ordinär sind Begriffe, die man mit den früheren Jahren des Austropop irgendwie verbindet, Humor der etwas dreckigeren Art ist keine Seltenheit (man denke beispielsweise an „Die Ballade vom versteckten Tschurifetzn„). Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass es einen ganzen Song gibt, dessen Inhalt sich einzig und allein darum dreht, dass die Leichen und Skelette des Wiener Zentralfriedhofs eine riesige Party zum 100-jährigen Jubiläum desselbigen veranstalten, auf der um die Wette gesoffen wird und Pfarrer mit Huren tanzen.
Rein lyrisch lässt sich hierbei nicht viel hineininterpretieren. Eine Ode an den Zentralfriedhof, der tatsächlich eine Würdigung verdient hat. Der 2,5km² große Friedhof erstreckt sich in Simmering und zählt aufgrund seiner vielen Ehrengräber zu einer der Sehenswürdigkeiten Wiens. Auch Austropop-Legenden finden hier ihren Frieden. 1998 wurde einem riesigen Stück österreichischer Musikgeschichte die letzte Ehre erwiesen: Tausende Menschen wohnten dem Begräbnis von Johann Hölzel (besser bekannt unter dem Pseudonym Falco) bei, der es bis jetzt als einziger Künstler schaffte, ein deutschsprachiges Lied an die Spitze der US-Billboard Charts zu bringen. Ruhe sanft.

Auch abseits der vielen Ehrengräber ist der Zentralfriedhof ein sehenswertes, ehrwürdiges Areal. Er hat eine viel zu lange Geschichte, für die in diesem Artikel viel zu wenig Platz ist. Unser Appell an dich: Wenn du noch nie am Zentralfriedhof warst, nimm dir mindestens einen Tag Zeit und statte ihm einen Besuch ab. Du wirst es nicht bereuen.

Quelle: dana j – Flickr.com
Der Wiener Zentralfriedhof.

Das Hawelka

Kommen wir zu der nächsten Nummer, „Jö schau“ von Georg Danzer. Wieder ein absoluter Klassiker. Schauplatz ist diesmal das Café Hawelka im 1. Bezirk. Als das lyrische Ich im Hawelka bei a poa Wuchteln und bei an Bier sitzt, gibts beim Eingang vuan auf amoi an Mordstrara. Warum? Ein unbekleideter Mann hat sich offensichtlich dazu entschieden, das Café zu betreten. Das stößt zwar erst auf Unmut, später wird aber entschieden, ihm Einlass zu gewähren. Man scheißt (entschuldigt den Ausdruck, aber Zitate erfordern Originalgetreuheit) auf die Spießbürgermoral.
Damit lässt sich die Atmosphäre des Cafés ziemlich gut einfangen. Das Hawelka ist ein Künstlercafé. Ein Treffpunkt für Intellektuelle, aber auch für das normale Bürgertum ergo ein Garant für mögliche Meinungsverschiedenheiten. Ein Schauspieler meint in einer Zeile des Liedtextes, er finde nichts dabei, man solle den Nackten doch einfach lassen, während die Frau des Besitzers entgeistert ausruft, er solle sich  „schleichen, aber schnö“. Das lyrische Ich „schenierat sich an seiner Stöh“. Letztendlich sind aber alle im Kaffeehaus um zu entspannen, und so entscheidet man sich im gemeinsamen Konsens dazu, dass eigentlich eh nix dabei is, wenn man den Unbekleideten bleiben ließe. Typische Wiener Gemütlichkeit eben.
Die Gründer Josefina und Leopold Hawelka sind in Wien gewissermaßen „Kaffeehauslegenden“. Das Café Hawelka ist jedoch nicht mehr das, was es mal war. Als Aushängeschild der urigen Wiener Kaffeehauskultur ist es, wie leider auch viele andere traditionelle Kaffeehäuser, zu einem Touristen-Hotspot verkommen. Die Kellner granteln nicht mehr genug und der Charme der Gemütlichkeit ist irgendwie auch verflogen. Schade. Wer den Geist der damaligen Zeit spüren möchte, ist mit Georg Danzers Hit besser beraten, als mit einem tatsächlichen Besuch im Café Hawelka. Früher war eben doch so manches besser.

Gänsehäufel

Bevor wir uns wirklich von der strengeren Definition des Austropops wegbewegen, widmen wir uns nun dem dritten im Bunde der Austria 3, um das Trio zu komplettieren. In seinem Hit „Strada del Sole“ befindet sich Rainhard Fendrich in tiefer Trauer aufgrund seiner etwas prekären Finanzsituation und seiner vergangenen Liebschaft, die mit einem „Italiano oposcht“ is, dem er unter anderem die „Zähnt einhauen“ will. Wir fokussieren uns weniger auf das drumherum, sondern setzen das Schlaglicht auf eine besondere Stelle im Text und machen es damit kurz: das lyrische Ich nimmt den Hass, welcher in dem Liebhaber seiner Buhlschaft seinen Ursprung fand, und projiziert ihn auf eine ganze Nation. Italien ist für ihn gestorben, er sehnt sich nach dem Gänsehäufel. Möglicherweise etwas übertrieben, wir behalten es uns an dieser Stelle vor, ein Urteil über diesen Gedankengang zu fällen.
Was dem Italiener die Adria ist, ist dem echten Wiener sein über alles geliebter Fluss. Das Gänsehäufel ist eine Sandinsel in der alten Donau. Der Name weist auf die angeschwemmten „Haufen“ (Inseln) hin, die der Gänsezucht gedient haben sollen. Die Hauptattraktion ist das gleichnamige Strandbad, das sich bei Wienern großer Beliebtheit erfreut. Dieses ist allerdings nur im Sommer zugänglich. Traditionellerweise gibt es hier auch einen FKK-Bereich. Das Motiv der Nacktheit zieht sich scheinbar durch diesen Artikel. Freikörperkultur war den Österreichern seit jeher ein großes Anliegen.

Das Gänsehäufel ist ein beliebter Badeort bei Wienern.

Das wars fürs Erste auch schon. Im nächsten Artikel beschäftigen wir uns unter anderem mit einer kontroversen Figur der österreichischen Popkultur und widmen uns einem sehr komischen Vogel und seiner Band.

 
Zwettler Zwickl
Zwettler Zwickl
 

veröffentlicht von sebastian

29. November 2019

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