"Hilfe, ich bin ein Tourist."

Foto: Filippo Diotalive
FREIZEIT & SPORT

veröffentlicht von david

17. Juli 2019

FREIZEIT & SPORT

Wien ist das beliebteste Reiseziel in Österreich. Als eingesessener Bewohner
bekommt man davon aber wenig mit. Eine Stadttour aus Sicht eines Touristen.

Eine kleine Gruppe an Leuten wartet schon, als ich mich an diesem Montagvormittag zum Albertinaplatz begebe. Die ersten Wortfetzen, die ich höre, sind direkt auf Englisch. Es ist einer dieser heißen Sommertage in Wien und Ende Juni. Die Innenstadt füllt sich minütlich mit Reisegruppen, Schulklassen und scheinbar orientierungslosen Touristen. Ich könnte sie warnen, denke ich, als sich eine kleine Touristengruppe in Richtung Bürokomplex verirrt – aber dann würde ich aus meiner Rolle fallen.

Seit einigen Wochen habe ich ein neues Hobby: Mich als belgischer Tourist ausgeben und die Städte Österreichs auf Englisch erkunden. Heute steht eine Walking Tour in Wien auf dem Programm. Meine belgische Identität habe ich mir aber schon im Vorhinein sorgfältig zurechtgelegt. Es ist eine Identität aus einer Stadt, die ich kenne und mit ähnlichem Lebenslauf. Schließlich muss ich überzeugend wirkend. Mit vollgepacktem Rucksack und Kamera um den Hals stehe ich nun also am Albertinaplatz. „Are you also waiting for the free tour?“, fragt eine junge Amerikanerin. Ich setze meinen besten britisch-flämischen Akzent auf und wir kommen ins Gespräch. Sie sei aus Washington D.C., ihre Freundin aus Chicago. Die beiden würden gerade drei Wochen lang Europa bereisen. Um uns bildet sich währenddessen eine kleine Menschenblase. Wie ich wenige Minuten später erfahren werde, warten wir alle auf dasselbe.

Wien Risiken

Es gesellt sich auch ein junger PhD-Student aus Taiwan zu uns. Er sei Klimaforscher und auf dem Weg zu einer Konferenz in Italien. Bevor er sich auf den weiteren Weg macht, wolle er Wien erkunden – sein erster Besuch in Europa. Und dann ist da noch die Veterinärmedizin-Studentin aus Deutschland, die ein Praktikum in Oberösterreich macht. Nur keine deutschen Worte verlieren, ist mein erster Gedanke, als ich erfahre, dass sie Deutsche ist. Ansonsten war das ganze Experiment umsonst. Das ist leichter gesagt als getan. Auch wenn mein Gehirn auf Englisch hervorragend funktioniert – sobald ich lange nachdenke, schleichen sich deutsche Füllwörter ein. Zum Glück sind die vom Dialekt und meiner Panik so verzerrt, dass sie sowieso niemand versteht.

Knappe zehn Minuten nach der im Internet angegeben Uhrzeit erscheint endlich unser Tourguide. Ein Mann in seinen 60ern im blauen Leinenhemd und langer, beiger Hose – trotz mehr als 30 Grad Hitze. „Marco Polo“ sei sein Name und hätte früher in „Finance und Politcs“ gearbeitet. Ob er wirklich so heißt und wo genau er einmal gearbeitet hat, will er mir partout nicht sagen. Mit hörbarem österreichischen Englisch-Akzent trommelt er unsere Touristengruppe zusammen uns zum Innenhof des Albertina-Museums. Insgesamt sind wir sicher 30 bis 40 Leute.

Geschichten der Geschichte

Wir finden auf einigen schattigen Bänken seitlich des Albertina-Museums Platz, bevor die wohl verständlichste Erklärung der österreichischen Geschichte beginnt, die ich je gehört. Marco Polo erzählt von der Entstehung der Stadt Wien angefangen bei den Römern über die Habsburg-Dynastie bis in das 20. Jahrhundert – alles verpackt in Anekdoten, die selbst ein Kleinkind verstehen würde. Gemeinsam mit den historischen Gebäuden, die uns allesamt hautnah umgeben, gibt es wohl keine bildhaftere Methode, um die Geschichte Wiens darzulegen. Kein Vergleich zum Geschichte-Unterricht während meiner Schulzeit. Noch am selben Ort fragt Marco Polo jede der knapp 40 Personen nach ihrer Nationalität – ein guter Überblick über die Touristenströme Wiens. Auffallend viele Reisende kommen aus den USA oder Indien. Einige wenige auch aus Kanada oder Deutschland. Und dann gibt es noch mich als einzigen Belgier.

Wirft man einen Blick auf die Tourismusstatistik Wiens, ist dieser Eindruck aber nur halb repräsentativ. Von den insgesamt sieben Millionen Gästen, die Wien im Jahr 2017 besuchten, kamen laut Statistik knapp 21 Prozent aus Österreich und 18 Prozent aus Deutschland – aus Asien waren lediglich 13 Prozent und aus Amerika gar nur 8 Prozent. Meine Tour-Gruppe ist also nicht unbedingt ein Abbild von der Tourismustrends in Wien. Aber gut – wer nimmt schon als Österreicher an einer englischsprachigen Walking Tour durch die Wiener Innenstadt Teil. Außer ich natürlich. Und selbst ich war verdeckt unterwegs.

Alles-Wisser

Zurück in die Wiener Innenstadt und unserem Tourguide Marco Polo. Nach seiner sehr ausgiebigen Geschichtskunde führt er uns durch den Volksgarten zur Hofburg und auf den Heldenplatz und schließlich in die Innenstadt zum Stephansdom. Ein Weg, den man eigentlich in zehn Minuten zurückgelegt hat. Jedoch scheint Marco Polo die Geschichte Österreichs bis ins letzte Detail zu kennen. Zu jedem Gebäude, jeder Statue und jedem Stein kennt er den Hintergrund. Und das ist absolut nicht negativ gemeint. Wer sich für Geschichte Wiens interessiert, erfährt hier alles, was er sich jemals erträumen könnte. Und da es sich hierbei um eine Tour durch die historische Innenstadt Wiens handelt, war auch nichts anderes zu erwarten.

Touristenfoto

Bei einer Touristen-Tour dürfen auch die mittelmäßigen Touristenfotos nicht fehlen.

Das spannende an Touristen-Tours sind neben den Fakten ja eigentlich die Leute. Jeder ist aus einem anderen Grund am selben Tag zu der gleichen Uhrzeit am selben Ort – und jeder seine eigenen Geschichten und Erfahrungen. Während wir durch den Volksgarten schlendern und Marco Polo bei seinen historischen Darbietungen zuhören, von klassischem Small-Talk arbeiten sich die Gespräche von Small-Talk zu etwas tiefgreifenden Themen vor. Die deutsche Veterinärmedizin-Studentin heiße Jasmin, der PhD-Student aus Taiwan Yi-Xian Li. Leider bin ich mir nicht sicher, was davon sein Vorname ist. Ab diesem Punkt macht es aber einfach Spaß. Angst, aus meiner belgischen Rolle zu fallen, habe ich keine mehr. Viel mehr genieße ich es, einfach nur Tourist zu sein. Ohne Sorgen, Uni- und Arbeitsstress.

Überraschungsmoment

Als die Tour vor dem Stephansdom zu Ende geht, bin ich fast ein bisschen wehleidig. Marco Polo gibt uns Tipps, wo wir gute Schnitzel, Kaffee und Torte finden und wo wir nicht eine Stunde anstehen – und jeder von uns drückt ihm noch Trinkgeld in die Hand. Dann trennen sich unsere Wege. Kurzerhand beschließe ich, die Situation aufzulösen und mich doch noch als Wahl-Wiener, der die halbe Stadt auswendig kennt, zu offenbaren. Die Überraschung in den Gesichtern werde ich wohl noch eine Weile in Erinnerung behalten. Schöne Grüße an dieser Stelle.

Was ich nun aus meinem gefälschtem Touristen-Dasein gelernt habe? Erstens, Wien ist eine unglaublich schöne Stadt ist und Österreich ein wunderschönes Land. Beides wird von uns Österreichern meiner Meinung nach viel zu wenig geschätzt. Und zweitens, können die absurdesten Ideen irrsinnig viel Spaß machen und man sollte sich – um es auf gut Österreichisch zu sagen – „einfach nix scheißen“. Wien bietet immens viele Möglichkeiten und an viele davon denkt man im ersten Moment vielleicht gar nicht. Selbst, wenn man aus dem Waldviertel in die Stadt zieht. Was du sonst im Sommer noch in Wien machen kannst, findest du hier – und die angesprochene Tour hier.

 
Zwettler Zwickl
 

veröffentlicht von Thomers

17. Juli 2019

FREIZEIT & SPORT
Zusammen mit dem Kunsthistorischen Museum zählt das Naturhistorische Museum zum Weltkulturerbe. Es ist eines der größten Museen Österreichs und eines der bedeutendsten Naturmuseen der Welt. Direkt gegenüber vom Kunsthistorischen Museum liegt es am Maria-Theresien-Platz.