FREIZEIT & SPORT

veröffentlicht von Thomers

13. Dezember 2016

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Hier erfährst du, was aus dem Wiener Dialekt geworden ist und wie du dich mit deinen zukünftigen Bekanntschaften barrierefrei verständigen kannst.

Der Wiener Durschschnittsbürger beim Vollziehen eines Andeuters.

Was definiert einen echten Wiener? Was macht ihn aus? Ist es der Grant, die einzige treibende Kraft in ihm, die ihn dazu bewegt, sich morgens aus dem Bett zu quälen? Oder vielleicht das Hüserl, das er sich genehmigt, sobald er die Augen halbwegs öffnen kann? Mag beides zutreffen. Aber das Unverbesserliche, das des Wieners Eigenschaften besonders hervorhebt, ist sein Dialekt. Nichts unterstreicht einen ohnehin schon grantigen Unterton besser als ein „deppada, schleich di“. Und da das Wienerische ja nicht so weit vom Waldviertlerischen entfernt ist, denkst du dir jetzt vielleicht, dass die Sprachbarrieren zwischen deinen zukünftigen Bekanntschaften nicht allzu hoch sein sollten. Mag sein, aber wenn du eine gewisse Zeit in Wien verbracht hast, wird dir sehr bald auffallen, dass sich das „weanarische“ immer mehr dem Standarddeutsch annähert.

Ursprünge und deren Fortsätze

Das Wienerische ist ein ostmittelbairischer Dialekt, der sich aus einem Vielvölkergemisch entwickelt hat. Besonderheiten wie zum Beispiel das „Meidlinger L“ oder das langgezogene a in haaß, blaad oder zaach sind im Wiener Mundwerk oft vorzufinden. Oder besser gesagt waren. Repräsentativ für den Wiener Dialekt ist die Sackbauer Saga, eine Fernsehserie, die jedem geläufig sein wird.

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Ausschnitt aus der Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“, die in den 70er Jahren vom ORF produziert wurde. Hier zu sehen: Der Wiener Durschschnittsbürger beim Vollziehen eines Andeuters.

Das Neuwienerische hat jedoch Einzug in den Wiener Alltag gehalten. Das Markante an diesem Dialekt ist die Anlehnung an die deutsche Schriftsprache. Wie es sich von dieser unterscheidet? Ganz einfach. Es ist, als würde ein Mundartsprecher seine ersten Schwimmversuche in den tiefen Gewässern der Hochsprache machen. Und genau so hört es sich auch an. Hochdeutsch, aber eben irgendwie auch doch nicht.

Sprache entwickelt sich

Es mag vielleicht für viele alteingesessene Dialektbefürworter alarmierend klingen, dabei ist bei genauerer Betrachtung rein gar nichts Verwunderliches an diesem „Verfall“ zu finden. Sprache entwickelt sich ständig. Wäre dies nicht der Fall, würde so etwas wie der Wiener Dialekt heute gar nicht existieren. Schließlich sagt heute auch niemand mehr „Mich deucht, des Weines Geist hat Besitz von mir ergriffen“, sondern „I glaub, i bin zua“. Folgedessen ist es auch nichts Außergewöhnliches, dass der Dialekt, vor allem im städtischen Raum, immer mehr an Bedeutung verliert.
Aber was sind die Gründe für den Dialektrückgang?

Der Versuch einer Erklärung

Sprachentwicklung wird von vielen Faktoren beeinflusst, dazu zählen unter anderem Zuwanderung und in Zeiten der Konsumgesellschaft vor allem die Medien. Als selbsternannte, renommierte Sprachwissenschaftler erlauben wir uns, eine mögliche Theorie aufzustellen, warum den Wienern heute ein patschertes Hochdeutsch entfleucht:
Wien als Hauptstadt ist ein beliebtes Zuzugsziel vieler ländlicher Österreicher. Die Zuwanderer der vorigen Generation, haben wahrscheinlich gedacht, sie würden ihren Kindern das Leben erleichtern, wenn sie ihnen die Schriftsprache beibringen, weil ihnen zum Beispiel im Berufsleben eine „schönere“ Sprache angebrachter erschien. Nichts Verwerfliches an sich. Das Problem dabei: Sie selbst sind mit dem Dialekt aufgewachsen und hatten aus diesem Grund immer eine gewisse Distanz zum Hochdeutschen. Deshalb konnten sie ihren Nachwuchs nicht in den vollen Genuss des „nach der Schreibe reden“s einführen. Das Resultat: Sie trichterten ihren Sprösslingen ein eher gebrochenes Standarddeutsch ein. Was dabei herauskommt, wenn man jemandem eine Sprache beibringen möchte, die man selbst nicht perfekt beherrscht, macht sich heute in Form des Neuwienerischen bemerkbar. Eine typisch neuwienerische Phrase ist zum Beispiel das allseits bekannte „uur leiwand, alter“. Schnell merkt man (lässt man das „uur“ einmal beiseite), dass die Worte „leiwand“ und „alter“ schlicht und einfach aus dem Dialekt übernommen, und laienhaft an die Hochsprache angepasst wurden.

Sprache unterliegt heute vor allem dem Einfluss zwei großer Medienbereiche: dem Fernsehen und dem Internet. Die Jugend ist heutzutage international unterwegs: YouTube, Facebook, Twitter. Social Media hat einen sehr großen Teil unseres Lebens für sich beansprucht. Deswegen machen sich auch immer mehr Anglizismen in unserem alltäglichen Sprachgebrauch breit. Wir gehen nicht einkaufen, wir gehen „shoppen“, wir „liken“ etwas auf Facebook, wir trinken keine Getränke, wir genehmigen uns „Drinks“.

Die Zukunft

Berühmte LetsPlayer, Blogger oder Facebook-Stars sind nicht selten aus Deutschland, aber auch vom Film wird die Sprache beeinflusst. Für die Konsumgesellschaft ist auch Streaming sehr wichtig. Wenn man als Österreicher auf diversen Portalen Serien oder Filme streamt (oh, ein Anglizismus!), hat man, was die Sprache betrifft, natürlich nur die Möglichkeit aus Englisch oder Deutsch zu wählen. Eine Version mit österreichischem Deutsch gibt es nicht.
Während das Sprachleben angehender Erwachsener in Wien vom Neuwienerischen beherrscht wird, ist bei den Jüngeren zu beobachten, dass sich das gesprochene Wort immer mehr an dem „Deutschland-Deutsch“ orientiert. Aus „einem Einser“ auf der Schularbeit wird dann „’ne Eins“ und das Getränk ist plötzlich nicht mehr leer, es ist „alle“. Hier macht sich der Dialektabbau besonders stark durch sogenannte Deutschlandismen bemerkbar. Das könnte bedeuten, dass die Mundart in ferner Zukunft vielleicht nicht mehr existieren wird.

Wie spreche ich neuwienerisch?

Verben im Partizip Perfekt werden im Neuwienerischen im Vergleich zur tatsächlichen Schriftsprache gekürzt, aus der Vorsilbe „ge-“ wird ein simples „g-“ , das ‚e‘ wird gestrichen. Prinzipiell also kein Unterschied zur Mundart, würde man nicht versuchen, es hochdeutsch auszusprechen. Aus „gegangen“ wird „gangen“ und aus „geschwommen“ wird „gschwommen“. Ein wichtiges Merkmal ist die selektive Anpassung gewisser Satzglieder. Einen Satz aus dem Dialekt ins Neuwienerische zu übersetzen mag für manche vielleicht etwas kompliziert wirken, ist aber in Wirklichkeit nicht allzu schwer zu bewerkstelligen. Man nehme eine beliebige Aussage, zum Beispiel: „Gestan woa ma untawegs und hom uns voi g’freit, wei ma an oidn Freind troffn hom“, ersetze selektiv Satzglieder in die Hochsprache, einmal ganz, einmal nur zur Hälfte und die allerwichtigste Regel: Jedes „voi“ wird immer zu einem „uur“. Dieser Satz würde auf Neuwienerisch folgendermaßen lauten: „Gestern war ma unterwegs und ham uns uur g’freut, weil ma an alten Freund troffen ham“.

Eine Bitte von uns an unseren Chef würde auf neuwienerisch zum Beispiel so lauten: „Wir ham heut schon uur viel g‘schrieben, könn ma nicht mal chillen? Das Leben besteht ja ned nur aus Hackn, alter“. Würden wir das so zu unserem Vorgesetzten sagen, gäbe es im gehobenen Neuwienermilieu keine „Watschn“ sondern eine „Watsche“, wir sprechen ja schließlich schön. Da unser Chef aber kein Sklavenhalter ist, wäre der einzige Grund warum er handgreiflich werden würde, unsere etwas unangebrachte Formulierung, weil weder wir noch er neuwienerisch sprechen.

Warum habe ich das gerade gelesen?

Man mag von der Wiener Sprachentwicklung halten, was man will. Manche nennen es eine Katastrophe, viele machen sich darüber lustig, wieder andere ignorieren es gekonnt. Was dir dieser halb ernstgemeinte Artikel über den neuen Wiener Dialekt bringt, fragst du dich? Abgesehen davon, dass die bewusst gewählten Aussagen, über das Unterwegssein und das Nichtarbeitenwollen, darauf anspielen, dass das Neuwienerische ein Phänomen der Generation Y ist, die ihrer gruppenzwangsbedingten Verbittertheit Ausdruck verleiht, indem sie die österreichische Sprache nicht gleich tötet, sondern verstümmelt und langsam einen qualvollen Tod sterben lässt, richtet er sich an den Kritiker in dir. Er soll dir ein Gefühl dafür geben, dass Sprachentwicklung (oder Sprachverwicklung?) nichts Ungewöhnliches ist und ganz und gar nichts Dekadentes an sich hat. Denn selbst in Zeiten, in denen Dinge wie „Brangelina“ die Festung einer beständigen Zukunft nur als trügerische Illusion in unseren erloschenen Augen spiegeln lassen, lehrt uns nicht die Sprache selbst, sondern die Entwicklung und der Fortschritt derselbigen eines: Stabilität und Persistenz, die fühlbar und existent ist.

 
 

veröffentlicht von benji

13. Dezember 2016

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