Spritzwein im Kaffeehaus? Wie du zum "echten" Wiener wirst

Foto: Riccardo Gazzin
FREIZEIT & SPORT

veröffentlicht von david

17. Januar 2020

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Wien hat schon seine Eigenheiten. Im Kaffeehaus gibt es mehr Spritzer als Kaffee, alles ist irgendwie gemütlich und Sudern wird zur Lebenseinstellung.

Als ich von meinem kleinen Dorf im Waldviertel nach Wien gezogen bin, war ich erst einmal überwältigt. Von den Möglichkeiten, den Freizeitangeboten, den Gebäuden, den vielen Menschen und von den Wiener Linien. Plötzlich konnte ich immer überall hin – selbst nachts. Wien bietet als Großstadt Dinge, die es im Waldviertel schlichtweg nicht gibt. Und so ähnlich die Kultur im Waldviertel und in Wien auch sein mag, ist sie doch anders.

Klischees zu den Wienern gab es schon immer. Immer jammernd aber nie gestresst und mit einem Spritzer im Kaffeehaus sitzend lautet das Vorurteil. Die übertriebenere Variante kennen wir alle aus Mundl. Obwohl sich das Mundl-Klischee in der Praxis kaum bestätigt, so steckt doch in jedem Klischee ein kleines Stück Wahrheit. Wiens Ex-Bürgermeister Michael Häupl gilt beispielspielsweise als Prototyp des typischen Wieners – und gewisse Eigenschaften ziehen sich dann doch durch die ganze Bevölkerung.

Du möchtest ein bisschen mehr „Wien“ in dein Leben bringen? Oder herausfinden, wie sehr du dich in Wien schon angepasst hast? Wir liefern den passenden Guide.

1. Du kennst die ungeschriebenen Regeln

So entspannt die Wiener auch sind, wer sich falsch verhält, hetzt schnell die Empörung einer ganzen Menschenmenge auf sich. Man stelle sich doch einmal um 8 Uhr morgens in der U-Bahn-Station Landstraße auf die linke Seite der Rolltreppe. Oder man versuche, in die U-Bahn zu steigen, bevor alle anderen ausgestiegen sind. Beides ist nicht zu empfehlen.

Wie in allen Großstädte gibt es in Wien unzählige ungeschriebene Regeln, die das Zusammenleben ein Stück erträglicher machen. Viele davon wiegen schwerer als so manches Gesetz. Zwar ist die Wiener Polizei durchaus streng, aber im Allgemeinen passiert recht wenig, wenn man bei rot eine Ampel überquert. Wer allerdings auch nur zwei Centimeter zu weit links geht…

2. Deine Ernährung besteht zu 50 % aus Kaffee und Spritzer

Dass du voll in Wien – und nicht nur in irgendeiner Stadt – angekommen bist, merkst du spätestens dann, wenn du im Kaffeehaus eine Melange statt einen Cappucino oder einen kleinen Schwarzen statt einen Espresso bestellt. Die Wiener Kaffeehauskultur hat seinen Charme und wer sich eingehender damit beschäftigt, versteht auch bald, warum. Nicht umsonst gibt es eine Initiative, die daraus ein Weltkulturerbe machen will.

Wenn es etwas später wird, kommt dann auch noch das liebste Getränk der Wiener ins Spiel – der Spritzer.   Natürlich ist auch Bier oder ein Achterl Grüner Ventliner oder Gemischter Satz beliebt. Doch kein Getränk steht beispielhafter für die Absurdität Wiens wie der Spritzwein. Wein mit Wasser. Alkohol, der hydriert. Nicht-Österreichische Freunde sind meist sehr verwirrt, wenn sie ihren ersten Spritzer in der Hand halten. Aber Fakt ist nun einmal: Im Sommer gibt es kaum etwas besseres. Und überhaupt generell.

3. Veränderung macht dich skeptisch

Bis sich eine Veränderung oder Neuentwicklung in Österreich ankommt, dauert es bekanntermaßen immer eine Weile. Gustav Mahler soll einmal gesagt haben: „Wenn die Welt untergeht, fahre ich nach Wien, denn dort passiert alles 50 Jahre später.“ Gewissermaßen stimmt das auch.

Die Wiener haben die Angewohnheit, Neues erst einmal mit dem Satz „Schauma Mal!“ abzustempeln. Und dann wird beobachtet. Erst wenn etwas in einem Nachbarland – 0der besser gleich allen Nachbarländern – funktioniert, kommt diese Entwicklung in Österreich an. Auch was in Wien selbst entsteht, erntet zu Beginn erst einmal skeptische Blicke. Die goldene Kuppel der Wiener Secession wurde nach ihrem Bau beispielsweise lange Zeit im Volksmund „Krauthappel“  genannt.

Trotz der gesellschaftlichen Trägheit ist Wien aber eine Stadt der Forschung und Entwicklung . Mit Events wie der Pride oder früher dem Life Ball ist die Stadt auch in Sachen Zusammenleben sehr weit. Woher kommt diese Skepsis vor der Veränderung also? Vielleicht wissen die Wiener auch einfach, worauf es ankommt.

4. Du bist ständig am Sudern

Wenn die Wiener eines können, dann ist es Sudern. Da macht es auch keinen Unterschied, dass Wien die lebenswerteste Stadt der Welt ist. Gründe zum Sudern gibt es immer. Man verpasst die U-Bahn und muss jetzt sechs Minuten warten? „Heast, oida!?“ Das Lieblingskaffeehaus hat an einem kalten Feiertag um 10:00 Uhr vormittags keinen Platz mehr frei? „Boah, he geh bitte?!“ Man steht in der U-Bahn etwas zu direkt vor der Tür (passiv-aggressiv) „Gengan’s bitte aus dem Weg wenn’s ned aussteigen?!“

Nichts davon ist nett gemeint aber nichts ist auch wirklich ernst gemeint. Sudern gehört in Wien fast schon zum guten Ton. Und ob man es will oder nicht – man passt sich automatisch an. Für jemanden der frisch nach Wien gezogen sind sechs Minuten Wartezeit auf die U-Bahn nichts. Schließlich würde ich zuhause im Dorf vier Stunden auf den nächsten Bus warten. Aber nach drei Jahren Wien wirken sechs Minuten Wartezeit – gerade wenn man es eilig hat – schon ziemlich grenzwertig. Aber worüber soll man sich auch sonst beschweren?

5. „Schauma Mal“ wird zur Lebenseinstellung

Wien ist zwar eine Großstadt, aber Wien ist eigentlich recht gemütlich – vor allem Vergleich zu Großstädten wie Berlin, Paris oder London. Das liegt nicht zuletzt an der Grundeinstellung der Wiener. Man geht die Dinge allgemein etwas langsamer an, überlegt zwei Mal, ob etwas wirklich notwendig ist.

„Schau ma mal, dann seh‘ ma schon“, ist das Lebensmotto. Vielleicht ist es gerade das, was Wien so reizvoll macht. Wien versucht nicht, besonders gut oder besonders groß zu sein. Wien will einfach seine Ruhe. Auch wenn das nicht immer positiv gemeint ist, ist diese Gemütlichkeit womöglich gar kein so schlechter Weg, um mit unserer stressigen Welt umzugehen.

Fazit?

Wer für ein paar Jahre in Wien wohnt, übernimmt mit ziemlicher Sicherheit einige der genannten Verhaltensweisen. Vielleicht unbewusst, aber doch. Denn die Eigenheiten der Wiener haben durchaus Charme. Sie haben vielleicht nicht die Härte und Ruhe der Waldviertler. Aber mit dem Stadtleben umzugehen schaffen sie allemal.

Folgende Alltagsvokabel dürfen in Wien außerdem nie fehlen:

  • „Zweite Kassa bitte“ bei einem Billa deiner Wahl
  • „Steigen Sie aus?“ passiv-agressiv in der U-Bahn
  • „Ur“ als Steigerungsform jedes Adjektivs
  • „I schau nur“ in jedem beliebigen Geschäft
  • „Passt scho“ wenn es eh schon egal ist, ob es passt oder nicht
  • „Oida“ als Allzweck- und Universalausruf
 
 

veröffentlicht von david

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