Boku Wien: Mehr als "nur" Agrarhochschule

CC BY-ND 2.0 Boku
STUDIEREN & ARBEITEN

veröffentlicht von david

26. November 2018

STUDIEREN & ARBEITEN

Die Universität für Bodenkultur Wien – kurz Boku – ist eine Forschungsstätte der Zukunft. Hier beschäftigen sich die Forscherinnen und Forscher mit Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Landschaftsplanung. Grund genug, uns diese Universität einmal genauer anzusehen.

Von der Boku – der Universität für Bodenkultur Wien – hat wohl fast jeder Waldviertler schon einmal gehört. Die Uni gilt als Kaderschmiede künftiger Landwirtschafts- und Forstexperten: Leute, von denen es im Waldviertel nie genug geben kann. Dieser Ruf ist Fluch und Segen zugleich. Er prägt das Bild, das viele von der Boku haben. Was hinter den Mauern der Institutsgebäude vorgeht, wissen viele – wenn überhaupt – nur von Bekannten. Dazu kommen absurde Nachrichtenmeldungen wie „Boku von sturen Schafen besetzt„. Schafzucht mag Teil des ein oder anderen Studiengangs sein – das Studienangebot umfasst aber auch noch andere Bereiche.

Die Forscher an der Boku beschäftigen sich mit Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Ressourcenverbrauch, Raumplanung oder Artenschutz. Das Wissen, das hier gesammelt wird, kann kommenden Generationen als Lebensgrundlage dienen. Die knapp 10.000 Studierenden an der Boku sind also die Experten der Zukunft.

Vom Hochschülchen zur Institution

Das allgemeine Bild der Boku ist stark von Landwirtschaft geprägt. Ganz falsch ist dieser Eindruck nicht. Blicken wir mehr als 140 Jahre zurück ins Jahr 1872 – einer Zeit, in der Österreich-Ungarn unter der Führung von Kaiser Franz Joseph I. stand und Otto von Bismarck erster Kanzler des Deutschen Reiches war. In diesem Jahr wird an der Wiener Türkenschanze eine Agrarhochschule gegründet. Aus ihr sollte später die Universität für Bodenkultur Wien werden.

Das Hauptgebäude der Boku auf einer Postkarte im Jahr 1907.

Das Hauptgebäude der Boku auf einer Postkarte im Jahr 1907. / CC BY-ND 2.0 Boku

Anfangs gab es drei Studiengänge: Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Wasserwirtschaft. 1945 kam der heutige Studiengang Lebensmittel- und Biotechnologie hinzu und seit 1991 bietet die Hochschule auch die Forschungsfelder Landschaftsplanung und Landschaftspflege an. Durch die Europäische Studienreform, die 2010 das Bachelor-Master-System an den österreichischen Universitäten eingeführt hat und weiteren Änderungen gibt es heute sogar noch mehr Studienrichtungen.

Das Studienangebot

Wie gerade eben erwähnt – das Studienangebot der Boku ist sehr vielfältig. Deshalb beginnen wir ganz einfach: Wer sich für ein Bachelorstudium an der Boku Wien interessiert, hat es die Wahl zwischen acht Fachbereichen.

  • Lebensmittel- und Biotechnologie
  • Landschaftsplanung und Landschaftsarchitektur
  • Forstwirtschaft
  • Holz- und Naturfasertechnologie
  • Umwelt- und Ressourcenmanagement
  • Kulturtechnik und Wasserwirtschaft
  • Agrarwissenschaften
  • Pferdewissenschaften

Ja, es gibt wirklich einen Studiengang Pferdewissenschaften. Die Ausbildung ist eine Mischung aus Tierarztausbildung und wirtschaftlich Ausbildung und wird als Kooperation der Veterinärmedizinischen Universität Wien und der Boku geführt.

Bei allem, was nach dem Bachelor kommt, wird es etwas komplizierter. Die Boku bietet 26 Masterstudien und acht Doktoratsstudien. Ein Teil der Masterprogramme ist in Englisch, ein Teil in Deutsch und ein weiterer Teil funktioniert als Kooperation mit anderen Hochschulen in ganz Europa. Fast alle bauen auf einem der vorhergehenden Bachelor-Studiengänge auf. Zu den Masterprogrammen zählen etwa:

  • Wildtierökologie und Wildtiermanagement
  • Umwelt- und Bioressourcenmanagement
  • Mountain Forestry
  • Organic Agricultural Systems and Agroecology
  • Safety in the Foodchain
  • und viele weitere.

Das gesamte Studienangebot der Boku gibt aus auf http://www.boku.ac.at/studienangebot. Für das Bachelorprogramm Lebensmittel- und Biotechnologie gibt es außerdem ein Aufnahmeverfahren. Studieninteressierte müssen online einen Self-Assessment-Test und einen schriftlichen Test an der Boku selbst absolvieren.  

Am Boku-Standort-Tulln steht die praktische Forschung im Vordergrund. / CC BY-ND 2.0 Boku

Während dem Studium teilen sich die Kurse in “Vorlesungen” und “Übungen”. Vorlesungen sind eher theoretische Lehrveranstaltungen, die viele Studierende gleichzeitig besuchen, Übungen sind praktische Kurse, die im kleinen Rahmen – etwa nur mit 20 Studierenden – stattfinden.

Die Jobaussichten für Boku-Absolventen sind gut. Umweltexperten sind am Arbeitsmarkt stark gefragt. Viele Firmen beschäftigen sich zunehmend mit Nachhaltigkeit und bauen sogar Abteilungen dafür auf.

Die Standorte

Wie eingangs schon kurz erwähnt, studieren an der Boku rund 10.000 Studenten. Dazu kommen knapp 1.500 Mitarbeiter. All diese Personen müssen irgendwo untergebracht werden. Die Boku ist deshalb auf mehrere Standorte verteilt:

  • den Hauptstandort an der Türkenschanze im 18. Bezirk (Währing) und 19. Bezirk (Döbling)
  • die Muthgasse im 19. Bezirk
  • einen Forschungsstandort in Tulln.

In der Regel findet das Studienleben aber entweder an der Türkenschanze oder in der Muthgasse statt. Die Forschungseinrichtung in Tulln besuchen die Studierenden bestimmter Studiengänge wie Agrarwissenschaften in regelmäßigen Abständen. Sie ist aber kein dauerhafter Studienort. Falls der Boku der Platz ausgehen sollte, kann sie außerdem auf ein Ausweichquartier, der alten WU im Universitätszentrum Alsergrund, zurückgreifen.

Im Moment dürfte das allerdings nicht der Fall sein. Mit Semesterbeginn hat die Boku nämlich ein neues Institutsgebäude an der Türkenschanze eröffnet: Das Türkenwirtgebäude. Der Name ist hier Programm. Ursprünglich war der Türkenwirt ein kleines Lokal mit Gastgarten und Hofladen – verwaltet von Studenten. Da die Boku allerdings aus allen Nähten platzte, ließ die Universität das Gebäude abreißen. Anstelle wurde ein neues Universitätsgebäude mit Platz für mehrere Institute auf der Fläche gebaut. In diesem neuen Gebäude hat auch der Türkenwirt wieder seinen Platz gefunden.

Das neue Türkenwirt-Gebäude / © Hannes Buchinger

Das neue Türkenwirt-Gebäude / © Hannes Buchinger

An jedem Standort – Türkenschanze und Muthgasse – gibt es eine Mensa. Mit dem neuen Türkenwirtgebäude sind es an der Türkenschanze sogar zwei. Sie bieten den Studierenden ein – für meine Verhältnisse sehr gutes – Mittagessen für wenig Geld. Auch wer nicht direkt an der Boku studiert kann in der Mensa der Boku essen. Ich war selbst mehrere Male in der Boku-Mensa in der Muthgasse und habe ich durchschnittlich um die fünf Euro bezahlt. Für ein Essen mit Hauptspeise und Salat ist das durchaus akzeptabel.

Jeder Standort bietet Lernräume, außerdem gibt es am Hauptgebäude an der Türkenschanze eine umfangreiche Bibliothek.

Zusatzangebot Sprachkurse

Wie an fast jeder Universität beschränkt sich das Kursangebot nicht nur auf die Kurse, die die einzelnen Studienprogramme vorsehen. Studierende an der Boku können eine Reihe von Sprachkursen belegen. Die Kurse für Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch und Spanisch als Fachsprache sind sogar kostenlos. Für alle weiteren Sprachkurse zahlen Studierende 130 Euro pro Semester. Das Angebot umfasst dabei auch weniger gängige Sprachen wie Polnisch, Slowakisch oder Rumänisch. Sprachen sind wichtig und die Sprachkurse an der Boku bieten den Studierenden eine Möglichkeit, sich auch außerhalb der regulären Lehrveranstaltungen weiterzubilden.

Studieren an der Boku: Ein Erfahrungsbericht

Das alles sind theoretische Infos. Aber wie ist das Unileben auf der Boku wirklich? Wir haben einen Studenten gefragt. Lukas ist 23 und studiert seit mehr als vier Jahren an der Boku. Im Moment absolviert er das Masterstudium Nutzpflanzenwissenschaften. Davor hat er Argrarwissenschaften als Bachelor studiert.

Lukas, nach vier Jahren Boku: Wie ist es für dich, dort zu studieren?

Meiner Meinung nach ist die BOKU eine sehr familiäre Uni. Es gibt unzählige Veranstaltungen, die es den Studenten ermöglichen, sich untereinander auszutauschen – wie etwa das BOKU Maibaumaufstellen, beinahe wöchentliche Spritzerstandl im Sommersemester oder den Adventmarkt im Türkenschanzpark gleich in der Nähe des BOKU-Hauptgebäudes.

Leider ist auch der Beginn des Bachelorstudiums Agrarwissenschaften dadurch gekennzeichnet, dass die Hörsäle überfüllt sind. Das ändert sich aber nach ein paar Wochen schlagartig. Dann sind die Hörsäle oft sehr, sehr leer.

Im Master ist die Zahl der Studierenden in den Lehrveranstaltungen von Beginn an sehr niedrig. Oft sind wir nur 10 Studierende. Das liegt vor allem daran, dass im Master hauptsächlich Seminare und Übungen angeboten werden. Frontalvorlesungen gibt es weniger. Die sind vor allem am Beginn des Bachelorstudiums zahlreich.

Die Lehrveranstaltungen sind alle sehr individuell aufgebaut. Kaum eine gleicht der anderen, was Umfang, Anwesenheitspflichten, Aufgaben oder Themenbereich betrifft. Schwierigkeitsgrad und die Motivation hängen da sehr von der jeweiligen Lehrveranstaltung und dem Dozenten ab. 

Besonders im Master haben wir viele Freiheiten was die Wahl der Lehrveranstaltungen angeht. Im Master Nutzpflanzenwissenschaften etwa machen Pflichtlehrveranstaltungen nur ein Drittel aller ECTS aus. Das Ausmaß der Freiheit unterscheidet sich aber stark zwischen den Studiengängen.

Die Anmeldung für Lehrveranstaltungen funktioniert nach dem Prinzip „First Come, First Serve“. Man muss sich für jede LV natürlich selbst anmelden – wie bei jeder Uni. Bei den meisten LVs ist das kein Problem. Bei vereinzelten LVs kann es zu Schwierigkeiten kommen – beispielsweise bei Pflicht-LVs mit zu wenigen Plätzen. In der Regel kommt das aber nur selten vor.

Wie viel Wissen hast du aus deinem Studium bisher mitnehmen können?

Das große Problem ist – wie bei wahrscheinlich allen Unis – dass für einzelne Prüfungen bulimie-artig gelernt wird, danach aber jegliche Wiederholung des Gelernten fehlt, um es aus dem Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis zu bekommen.

Aber: Aus Erfahrung kann ich sagen, dass man sich nach kurzem Wieder-Einlesen schnell wieder an das Gelernte erinnern kann. Vor allem Grundprinzipien, Zusammenhänge und Konzepte bleiben im Gedächtnis.

Wie viel Wissen man mitnimmt kommt vor allem darauf an, wie man sich auf Prüfungen vorbereitet. Jeder muss für sich selbst ein Mittelmaß aus Genauigkeit und Schnelligkeit beim Lernen finden.

Insgesamt nehme ich aus Lehrveranstaltungen die als Seminar oder Übung aufgebaut sind wesentlich mehr Wissen mit, als aus Frontalvorlesungen. In Frontalvorlesungen sitzen die meisten Studierenden nur passiv im Hörsaal. In Übungen und Seminaren ist viel mehr Eigeninitiative gefragt. 

Wie ist die Arbeitslast im Studium?

Für alle Lehrveranstaltungen muss man sich ja selbst anmelden. Dadurch kann man die Arbeitslast individuell nach Bedürfnissen anpassen.

Ich tendiere dazu, für Prüfungen sehr genau zu lernen, arbeite daneben an meiner Masterarbeit und bin derzeit noch dazu an der Abteilung für Pflanzenbau als Tutor tätig. Da kann es manchmal schon etwas eng werden. Aber wie gesagt, das kann sich jeder so einteilen wie er/sie es gerade braucht.

Ein Studium an der BOKU ist mit Sicherheit nicht das schwierigste Studium – zum Beispiel im Vergleich mit Maschinenbau an der TU. Aber: Die BOKU bietet ein einzigartiges Angebot an Studiengängen, der Einstieg ins Studium wird einem von Anfang an erleichtert und abgesehen von den ersten Semestern ist ein Studium an der Boku sehr familiär. Ein Großteil der Studierenden kennt sich untereinander – zumindest im selben Jahrgang –  und die meisten Professoren sind freundlich und beantworten gerne die Fragen der Studierenden.

Die Boku ist also…

weit mehr als der erste Eindruck oft vermuten lässt . Sie ist eine riesige Forschungseinrichtung und hat unglaublich viel Potential für die Zukunft. Im Vergleich zur Universität Wien ist die Boku zwar immer noch klein, allerdings wächst sie jedes Jahr. Die Forschungsbereiche werden von Jahr zu Jahr wichtiger. Wer noch mehr Informationen sucht, findet alles Weitere direkt auf der Website der Boku. Abgesehen davon gibt es hier auch weiterführende Artikel zur Hauptuni, der Universität Wien, oder der TU Wien.

 
Zwettler Zwickl
Zwettler Zwickl
 

veröffentlicht von sebastian

26. November 2018

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