Juridicum Wien - love it or leave it?

Glas und Stahlbeton in der Wiener City - das Juridicum von außen
STUDIEREN & ARBEITEN

veröffentlicht von Max

24. März 2016

STUDIEREN & ARBEITEN

Legionellen im Trinkwasser, Spanner am Klo und Obdachlose im Lesesaal – und das an einer der größten Fakultäten des Landes, dem Wiener Juridicum. Trotzdem verirren sich jedes Semester bis zu 3000 neue Studierende in die fensterlosen Hörsäle, darunter auch viele aus dem Waldviertel. Kein Wunder also, dass sich um keine andere Fakultät mehr Gerüchte schüren als um die Alma Mater der WannaBe Juristen.

Morgens halb acht in der Schottenbastei. High Heels klappern wild über den orangefarbenen Noppenboden als gebe es kein Morgen mehr. Das ist auch kein Wunder. Am Wiener Juridicum sperren die Lesesäle bereits um sieben Uhr ihre Pforten.  Zu der Uhrzeit hat der durchschnittliche Jus Student bereits einen Double Skinny Latte intus, Papas BMW brav im Parkhaus verstaut und den pastellfarbenen Pullover  locker um die Schultern geschwungen.  Eben so, wie es sich für einen erfolgreichen Juristen in spe auch gehört.

Ein Satz, drei Klischees. Ja, es gibt den BMW in der Garage und ja, auch die Dichte an Starbucks Member Cards ist in Wien wahrscheinlich nirgendswo dichter. Doch so viele Gerüchte sich um das juristische Nachwuchs Bollwerk der Uni Wien auch schüren mögen, die wenigsten davon sind wahr. Bei 3000 neuen Studierende jährlich sind die verschiedensten Typen dabei. Den klischeehaften Jus Studenten, den gibt es zwar. Aber neben ihm noch viele, viele andere.

Das Juridicum als gesellschaftlicher Mikrokosmos

Ausnahmen gibt es immer und besonders viele davon eben am Juridicum Wien. Durch die vielen Klischees, die rund um den typischen Nachwuchsjuristen aus dem 19. Bezirk kursieren sticht er als erstes ins Auge: der Schnösel aus dem 19. Bezirk aka „Mein Papa ist Anwalt“. Und bei ihm ist es wie bei einem Autounfall – wegschauen geht einfach nicht. Er pflegt ausgezeichnete Kontakte zur Studienvertretung, ergatterte immer einen der wenigen Lernplätze mit Steckdose (ist wahrscheinlich auf vorheriges Merkmal zurückzuführen) und trägt pipifeine Markenkleidung. Sein wohl wichtigste Accessoire: Segelschuhe. Gelästert wird gern über die „Bauern“ vom Land – Waldviertler bekommen hier anfangs sowieso den Stempel der „Frischluftdeppaden“. Klingt furchtbar – doch genau so ungewohnt wie die Zuagrasten für diesen Typ Student auch sein mögen, für uns Studenten vom Land ist er es – und jetzt Hand aufs Herz – genau so. Der leichteste Weg diese kulturellen Differenzen erfolgreich zu überwinden, ist ein gemeinsames Bier in der winzig kleinen Mensa des Juridicums. Dort kann man seinem ach so schnöseligem Kommilitone dann auch gleich zeigen woher gutes Bier kommt. Denn im Juridicum wird Zwettler Bier serviert.

Zwettler Zwickl

Bier vor Vier statt Toast aus Trost

Apropos Mensa. Essen empfiehlt sich dort nämlich nicht. Es kann zwar am orangefarbenem Noppenboden liegen, der sich durch das gesamte Gebäude zieht, aber vielleicht dann doch eher  an der Qualität der Speisen. Denn bei einem Auswahl zwischen Toast, Frittatensuppe und Snickers bleiben Studenten mit bereits minimalen kulinarischen Ansprüchen auf der Strecke. Da bleibt man dann lieber beim Bier oder Spritzer, deren niedrige Preise am Juridicum übrigens denen eines waldviertler Beisels entsprechen. Und gerade zur Prüfungszeit ist die Mensa des Juridicums rammelvoll mit gut gelaunten (und meist auch besoffenen) Jusstudenten im Anzug. Denn geprüft wird hier nur mit Krawatte – zumindest bei mündlichen Klausuren. Ein lustiger Vorglühabend ist hier somit garantiert. 

Lernen bis der Kopf raucht

Neben Feiern kann man am Juridicum auch noch das besonders gut, wofür man eigentlich studieren sollte: Lernen! Zwei riesige Lesesäle mit Öffnungszeiten für Frühaufsteher (Mo-Fr 7:30 – 22:00. Sa 8:00 – 18:00), sowie 4 Bibliotheken mit würfelförmigen Schreibtischen – Ablenkung ist hier somit tabu. Besonders die Lesesäle sind aber eine Welt für sich, die man gesehen haben muss. Während zwischen 7:30 und 9:00 Uhr die ersten Frühaufsteher mit besagtem Coffee to Go eintrudeln, ihre MacBooks starten und gefühlte 20 Bücher auspacken, schwirren immer wieder skurrile Gestalten durch die berühmt berüchtigten LS 11 und LS 12 genannten Lesesäle im ersten Stock. Eine von ihnen ist eine leicht verwirrte Dame mit Trolley – von einigen Studierenden auch liebevoll Erna genannt. Sie scheint ihren Lebensabend damit zu verbringen, im Lesesaal immer und immer wieder die Biographie von Jacky O zu lesen, Zeitungsausschnitte von ihr zu sammeln und hin und wieder einfach neben einem am Tisch zu stehen und ihn anzulächeln. Dies kann an langen Lerntagen auch einmal für eine nette, wenn auch skurrile Abwechslung sorgen. Ähnliches betreibt auch ihre „Kollegin“ im LS 12. Dort betreibt die Dame mit täglich anderer Perücke ihr ganz eigenes Business. Sie schneidet Tag für Tag  Handys aus Gratiszeitungen aus. Was auf den ersten Blick verrückt scheint, ist am Juridicum Wien Alltag, der genau so normal ist wie tägliche Lerneinheiten von bis 14 Stunden. (Die 5 besten Lernplätze der Stadt)

typisch Juridicum - der orangefarbene Noppenbobentypisch Juridicum – der orangefarbene Noppenboben

Differenzierte Gesprächskultur – learn hard or go home

Diese langen Lerneinheiten sind wahrscheinlich auch für den gekonnten Smalltalk vieler Jus Studenten verantwortlich. Am Juridicum kennt man sich. Sei es aus einer der unzähligen Übungen (Vorlesungen existieren für Jus Studenten nur auf dem Papier oder im ersten Semester) über Kollegen oder eben vom tagelangen Lernmarathon vor der Prüfungswoche. Gefragt wird allerdings nicht nach dem Befinden, sondern nach der nächsten Prüfung und wie viel man dafür schon gebüffelt hat. Wechselt man das Thema bekommt man von seinem Gesprächspartner schnell eine Abfuhr. Man müsse wieder lernen gehen, sonst sei der Platz im Lesesaal wieder weg oder Erna klaue einem den Kodex.

Diese ja schon fast perverse Lernkultur spiegelt sich aber nicht nur im Gespräch wieder. In den Toiletten zum Beispiel steht in fetten Lettern: Learn Hard or go home. Eine klare Ansage, die auch den immensen Konkurrenzkampf am Juridicum Wien widerspiegelt. Ein Konkurrenzkampf, der nicht nur aus einer viel zu hohen Studierendenzahl resultiert, sondern auch aus der Einstellung vieler Juristen in Spe. Wer dauerhaft am Juridium lernt vergisst nämlich schnell die Welt rund um sich, wird eins mit dem orangefarbenen Noppenboden und alles was schließlich zählt ist die nächste Prüfung. Und auf einmal geht einem der Spruch vom Klo nicht mehr aus dem Kopf.

Doch wer es schafft, wer die STEOP überwindet und ENDLICH im zweiten (von drei) Abschnitten ist, der lebt mit einem stolzen Grinser im Gesicht, den man so schnell nicht ablegt. If you don’t leave it, you love it! Zumindest die Wochen nach einer bestandenen Prüfung.

 
 

veröffentlicht von Carina

24. März 2016

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