Der Westbahnhof – eine Hommage

Foto: Nico Kaiser
WOHNEN & VERKEHR

veröffentlicht von david

10. Januar 2020

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Er ist vielleicht ein bisschen in Vergessenheit geraten – doch kaum ein anderer Bahnhof ist so geschichtsträchtig und vielseitig wie der Westbahnhof.

Die gelben Wände mit ihren dünnen Glasfenstern sehen im Jahr 2019 nicht mehr ganz so zeitgemäß aus. Doch sie erhellen wirkungsvoll den gesamten Innenraum der Halle. Mit gewisser Regelmäßigkeit strömen Pendler und Durchreisende aus dem Haupteingang in Richtung Europaplatz. Dazwischen ein Straßenmusiker, und der schwer überwindbare Gürtel. Eigentlich wirkt die Haupthalle des Wiener Westbahnhofs etwas unspektakulär.

Doch der Schein trügt. Der Westbahnhof ist eine bedeutende Institution inmitten des Wiener Öffi-Verkehrs. Er markiert den Eingang zur inneren Mariahilfer Straße, verbindet die U3 mit der U6, ist ein zentraler Umstiegspunkt für Straßenbahnen, bietet mit der Westbahn ein Schnellzug-Verbindung nach Salzburg und unzählige weitere Bahnverbindungen der ÖBB nach Niederösterreich. Somit ist der Westbahnhof neben dem Bahnhof Wien-Mitte ein zentraler Verkehrsknoten für die Wiener Innenstadt. Zudem findet man in der Bahnhof-City zu jeder Tages- und Nachtzeit frisches Essen sowie alles weitere Erdenkliche. In der Halle finden sich Buchhandlungen und Kleidungsgeschäften und sogar ein eigener Lego-Store. Ganz abgesehen davon hat der Westbahnhof eine lange Geschichte hinter sich.

Der Westbahnhof von außen

Der Westbahnhof – ein verkehrstechnischer Ausgangspunkt des 15. Bezirks. Foto: Gugerell

Es ist Zeit, diesem unscheinbaren Bahnhof etwas mehr Wertschätzung zu schenken. Also. Warum ist der Westbahnhof einer der genialsten Bahnhöfe Wiens?

Westbahnhof – est. 1858

Zugegeben, der heutige Westbahnhof ist vielleicht kein architektonisches Meisterwerk. Das liegt jedoch daran, dass er nach dem zweiten Weltkrieg neu gebaut werden musste. Aber von vorne. Der ursprüngliche Westbahnhof wurde 1858 unter dem Namen „Kaiserin-Elisabeth-Bahnhof“ eröffnet. Damals lag er außerhalb der (früheren) Stadt Wien und des sie umgebenden Linienwalls. Er verband Wien jedoch über die k.k. privilegierte Kaiserin Elisabeth-Bahn mit Salzburg. Den Gürtel in seiner heutigen Form gab es auch noch nicht. Der Westbahnhof war also ein einzelner Bahnhof außerhalb der Mauern Wiens, der jedoch einen wesentlich Teil des heutigen Schienennetzes nach Westen beheimatete.

Westbahnhof 1862

Der ursprüngliche Westbahnhof im Jahr 1862. Foto: Franz Xaver Sandmann

Über die Jahre stieg die Zahl der Fahrgäste stetig an – und um dem gestiegenen Gästeaufkommen Herr zu werden, wurde der Westbahnhof zwischen 1910 und 1912 ausgebaut und Platz für ein fünftes Gleis geschaffen. In der renovierten Form hielt sich der Bahnhof bis zum April 1945, also knapp einen Monat vor Ende des zweiten Weltkriegs. Dann fiel er den Bomben der Alliierten zum Opfer. Das Dach stürzte ein und der Westbahnhof brannte aus. Heute erinnert an den alten Bahnhof nur noch eine Statue der ursprünglichen Namensgebern Kaiserin Elisabeth im Obergeschoss.

Schon bald – zwischen 1949 und 1954 – wurde ein Neubau lanciert und 1951 teileröffnet. Dabei handelt es sich um die heutige Haupthalle, die – ganz nebenbei – unter Denkmalschutz steht. Diese Halle beheimatete zwar von Anfang an einige Geschäfte, zu seiner modernen Form, in der wir ihn heute kennen, kam der Westbahnhof allerdings erst 2002. Am Beginn der 2000er wurde der Bahnhof nämlich zur Bahnhof-City mit achtstöckigen Anbauten, Hotel und Bürokomplex ausgebaut. Das Ursprungshalle blieb erhalten und mit den Anbauten zogen eine ganze Reihe von Geschäften in den Westbahnhof ein.

Anschlussfähig

Nun gut. Wo kommt man als Reisender nun überall vom Westbahnhof aus hin? Da es sich nach wie vor um einen Bahnhof handelt, sind diverse Zugverbindungen natürlich naheliegend. Die Westbahn bietet bis heute eine Schnellzug-Verbindung zwischen dem Wiener Westbahnhof und Salzburg – wobei hier das 2012 gegründete Unternehmen gemeint ist, nicht die historische Westbahn aus 1858. Zusätzlich dazu verkehren Regionalzüge der ÖBB in Richtung St. Pölten und Niederösterreich sowie die S-Bahn in Richtung Neulengbach. Das war’s dann aber auch schon. Denn mit der Eröffnung des Wiener Hauptbahnhofs zogen viele Zugverbindungen, die vorher am Westbahnhof endeten, nach Wien-Favoriten.

Eine schlechtere Zug-Anbindung allein bedeutet aber noch lange kein Ende für den Bahnhof. Denn durch seine Lage ist er nach wie vor gut besucht. Vielleicht nicht mehr ganz so überlaufen wie früher, aber dennoch nicht ausgestorben. Am Westbahnhof halten nämlich auch mehrere Busverbindungen in Richtung Flughafen Schwechat und Graz – und dann ist da noch die Anbindung der Wiener Linien. Am Westbahnhof kreuzen sich U3 und U6 sowie sieben Straßenbahnlinien. Dadurch kommt man vom Bahnhof aus praktisch überall hin. Und falls einen die Einkaufslust packt, ist die Mariahilfer Straße nur zwei Minuten entfernt.

Einkaufs“-erlebnis“ bei Tag und Nacht

Wie es sich für Einkaufszentrum gehört, findet sich in Bahn-City alles, was man zum Überleben und Nicht-Überleben benötigt: Lebensmittel, Drogeriemärkte, Bekleidungsgeschäfte, Elektrofachhändler (unter anderem eine von zwei Cyberport-Filialen in Wien), Bäckereien, Fast-Food-Ketten, Blumenhändler, Schmuckgeschäfte und viele weitere. Im Zweifelsfall bekommt man vom Westbahnhof alles. Wirklich alles. Dabei reichen die Öffnungszeiten der meisten Geschäfte von 09.00 bis 21.00 Uhr an Wochentagen und 09.00 bis 18.00 an Samstagen.

Die Haupthalle des Westbahnhofs

Die Haupthalle ist Ausgangspunkt für alles. Foto: Thomas Ledl

Die Gastronomie sowie ein Merkur-Mini und der U3-Supermarkt haben auch nachts und sonntags geöffnet – einige Bäckereien und der Mini-Merkur beispielsweise immer von 05:30 bis 23.00 Uhr und der U3-Supermarkt gar von 06.00 bis 0.00 Uhr beziehungsweise bis 1.00 Uhr an Freitagen und Samstagen. Falls man also Essen oder grundsätzlichen Überlebensbedarf benötigt und alle Geschäfte geschlossen habe, dann ist der Westbahnhof sicher eine gute Anlaufstelle. Nähere Informationen zu allen Geschäften finden sich auf der Webseite der Bahnhof-City Wien West.

Side-Notes: U-Bahn-Stars und Kunstinstallationen

Man mag es kaum glauben, doch auch in Sachen Kunst hat der Westbahnhof etwas zu bieten. Täglich spielen zwischen 13.30 und 21.30 Uhr Musiker der U-Bahn-Stars der Wiener Linien im Durchgang vom Bahnhof in Richtung U3 und U6. Einige davon sind durchaus sehenswert. Ein Spielplan findet sich auf der Webseite der Wiener Linien.

Darüber hinaus: Ist jemandem von euch bereits die Kunstinstallation entlang der Mauer in diesem Durchgang aufgefallen? Sie trägt den Namen „Circa 55 Schritte durch Europa“ und wurde 1993 vom Künstler Adolf Frohner gestaltet. Und sie zeigt die Entwicklung der Menschheit von Urschlamm (rauer, unbearbeiteter Stein) bis zur Gegenwart (eine perfekte, glatte Kugel aus Edelstahl).

Kunstinstallation am Westbahnhof

Von der Vergangenheit in die Gegenwart: Auch Kunst findet sich am Westbahnhof. Foto: Gugerell

Die Statute von Kaiserin Elisabeth im Obergeschoss wurde ja bereits erwähnt. Im Mittelgeschoss der Haupthalle befindet sich auch noch eine zweite Skulptur – ein Kind, das wartend auf einem Koffer sitzt. Die Statue wurde 2008 aufgestellt und sollte 70 Jahre nach der Beginn der Judenverfolgung in der NS-Zeit daran erinnern, wie tausende jüdische Kinder zwischen 1938 und 1939 nach England flüchteten.

Bahnhof für alles

Fazit? Der Westbahnhof ist weit mehr als ein aus seiner Zeit gekommener Bahnhof. Er ist ein zentraler Umschlagplatz Wiens, bietet nach wie vor Zugverbindungen nach Westen und beheimatet ein gut besuchtes Einkaufszentrum. Die Kunstinstallationen und U-Bahn-Stars verleihen ihm sogar ein bisschen intellektuellen Mehrwert und mit dem geplanten Ikea hinter dem Bahnhofskomplex könnte der Westbahnhof in den kommenden Jahren noch einmal um ein ganzes Stück aufleben.

 
Zwettler Zwickl
Zwettler Zwickl
 

veröffentlicht von david

10. Januar 2020

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