WOHNEN & VERKEHR

veröffentlicht von Max

25. März 2016

WOHNEN & VERKEHR

Wer öffentlich aus dem Waldviertel nach Wien fährt, kommt oft nicht an ihr vorbei: der Wiener U6. Sie ist zwar die zweitlängste Ubahnlinie der Bundeshauptstadt, dafür angeblich auch die unbeliebteste. Schweiß, Kebab oder leere Bierdosen – eine Fahrt mit der U6 soll wie eine Lotterie sein. Man mag es kaum glauben, aber sogar über Ubahn Linien gibt es Gerüchte.

© Wiener Linien/ Johannes Zinner

Egal ob Franz Josefs Bahnhof, Spittelau oder gar Wien Meidling – sie verbindet Wiens Bahnknotenpunkte: die Ubahnlinie 6 der Wiener Linien. Wer frisch aus dem Waldviertel kommt, ist anfangs noch erschlagen vom großstädtischen Öffi Netz. Nach ein paar Wochen in der Hauptstadt erschlagt einen aber etwas anderes: der Geruch in der Ubahn. Der ist laut einer Umfrage der Wiener Linien in der U6 auch am schlimmsten. Klar: Kebap-Sünder, Bierfetischisten oder gar Deo-Verweigerer gibt’s auch in Wien zu Hauf. Doch für jeden fünften Fahrgast häufen die sich in der U6 und machen sie somit zum unbeliebten Alltagstrotz vieler Pendler – zumindest im Netz der Wiener Linien.

Von der Stadt- zur Ubahn vor 27 Jahren

Als Kebapschlauch, Junkie Line oder gar Pseudo UBahn wird sie geschimpft, die liebe U6. Sie passiert die vermeintlich schlechteren Gegenden, ist gern mal überfüllt und dann heißt es auch noch, sie sei keine echte Ubahn. Dabei wurde die ockerfarbene Linie erst vor 27 Jahren zur Ubahn befördert.  Trotzdem verkehren auf der U6 zwischen Floridsdorf und Siebenhirten Quasi – Straßenbahnen. Der Grund: Sparmaßnahmen der Wiener Linien. Dem städtischen Verkehrsverbund war nämlich die Sanierung und Umgestaltung der historischen Stationen zu echten Ubahn Haltestellen schlicht zu teuer – eingesetzt werden somit seither Straßenbahngarnituren. Glanz und Gloria der alten Stadtbahn? Der Zug ist abgefahren. Wer noch vor 2009 nach Wien gezogen ist, der kann sich sicher auch noch an die roten U6 Züge erinnern, die dann auch plötzlich mal auf der Ringlinie fuhren. Klimaanlage exklusive.  Angeblich machen Dealer ihre Geschäfte in den Stationen am Gürtel und Frauen trauten sich eine Zeit lang nachts nicht mehr alleine Ubahn zu fahren. Die U6 erhielt somit rasch den Ruf einer Getto Ubahn – die Bronx auf Schienen also. Doch die U6 rollte weiter durch Wien und – so wie bei jedem Gerücht – ist auch über dieses Gerücht Gras gewachsen. Seit eine Verlängerung der U6 nach Richtung Norden bzw. Osten geplant ist, erstrahlt sie wieder in neuem Glanz. Vielleicht auch deshalb, weil die Wiener Linien flächendeckend Videokameras installiert und die Intervalle aufgestockt haben.

straßenbahnzüge

Straßenbahngarnituren auf der U6 – bis 2009 Alltag

Tundra und Tropen in einem Waggon

In der U6 scheint zu jeder Jahreszeit ein Mikrokosmos an Klimazonen zu herrschen. Wir Waldviertler sollten kalte Temperaturen zwar gewohnt sein, doch schon nach ein paar Wochen im für uns subtropischen Wien ist es in der U6 eisig kalt, die Bahnsteige sind offen und man muss regelrecht aufpassen, bei Schneefall nicht auf die Gleise zu purzeln. Dafür fühlt man sich im Sommer wie in den Tropen, wenn man die durch seine Mitreisenden wunderbar vorgewärmten Haltegriffe in die Hand nimmt. Und spätestens dann, wenn einem der Geruch aus den unendlichen Weiten der Achselhöhle seines Sitz- oder Stehnachbars in die Nase steigt, hören sich auch Sportmuffel murmeln: ich leg‘ mir jetzt ein Rad zu.

Zwettler Zwickl

Der Untergang aller Morgenmuffel

Doch das schönste an der U6 ist eine Fahrt mit ihr am Montagmorgen. Als unschuldiger Waldviertler lächelt man in den ersten Monaten noch die Leute an, wenn man einsteigt, jemandem Platz macht oder die Gratiszeitung dem Sitznachbarn überlässt. Doch was wäre das schöne Wien ohne seine Grantler? Wer dachte, den „echten“ Wiener à la Mundl gibt es nicht, der braucht nur an jenem besagten Morgen in die U6 zu steigen. Besonders schön geht es dann in Wien Meidling zu. Hier kann man auch noch die spezifische Intonation des Ls erlernen, bevor man in der Vorlesung oder im Büro ankommt. Denn nichts ist schöner als ein „geh schLeich di“ nach dem Aufstehen.

gürtelbogen

Sightseeing entlang der U6

Aber eines muss man der U6 schon lassen. Als Fotomotiv eignet sich die Eigentlich-Hochbahn hervorragend. Die Jugendstil-Stationen und die historische Gürtelbrücke lassen von Körpergeruch, Grantlern und angeblichen Drogendealern rasch absehen und einen an die goldenen Zeiten der Stadbahn erinnern. Aber auch die heruntergekommenen Altbauten entlang des Gürtels, die beiden Backsteinkirchen im 15. und 8. Bezirk aber auch das Hundertwasserfernheizwerk in Spittelau finden sich in zahlreichen Fotoblogs wieder. Außerdem hat sich unter den Gürtelbögen eine rege Lokalszene entwickelt. Mit dem Chelsea, der Auslage oder dem B72 hat vor allem die Station Alser Straße eine hohe Dichte an hippen Lokalen. Außerdem bleibt sie fast direkt am Brunnenmarkt stehen – Wiens neuer Szenehotspot. (Sparstrategien für das Wiener Nachtleben)

Die U6 erregt Wiens Gemüter. Man hasst sie, liebt sie oder akzeptiert sie einfach nur als fahrbarer Untersatz um von A nach B zu kommen. Gerüchte und Horror – Storys gibt es über alles und jeden. Doch auch hier beweist sich:  nur die wenigsten davon sind wahr. Klar, manchmal ist sie eine Belästigung des eigenen Geruchssinns, manchmal fahren komische Leute mit und ja, hin und wieder steigt auch ein Grantler ein. Doch die fahren nicht nur U6. Was die angeblich unbeliebteste Bahn Linie der Stadt aber definitiv ist: ein rasches und günstiges Fortbewegungsmittel im Großstadtjungle.

 

 
 

veröffentlicht von benji

25. März 2016

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