Survival-Tipps für's Überleben auf Wiens Straßen

Quelle: pixabay.com// Auch als Unbeteiligter stellt man sich oft die Frage: Wofür wird jetzt schon wieder demonstriert?
WOHNEN & VERKEHR

veröffentlicht von Kerstin

11. Oktober 2018

WOHNEN & VERKEHR

Wer neu in Wien ist, sollte damit rechnen, dass auf der Straße viele Herausforderungen und Überraschungen warten. Spendensammler, Demonstranten oder Zigaretten-Schnorrer – nichts, worauf man daheim im Waldviertel ausreichend vorbereitet wird.

„Host an Tschick?“ – Auch wenn die Wiener als Grantler bekannt sind, in manchen Situationen suchen sie dann doch das Gespräch. Ist man als aufgeschlossener Waldviertler im ersten Moment über die spontane Kontaktaufnahme erfreut, ringt man 10 Sekunden später oft schon verzweifelt nach den passenden Worten, um die unerwünschte Unterhaltung schnell zu beenden.

Frisch zugezogen versucht man – ganz in Waldviertler Manier – das Gespräch höflich zu Ende zu bringen. Früher oder später ändert aber jeder seine Taktik und es gibt nur noch zwei Optionen: entweder die Frage ignorieren oder mit einem „Nein!“ signalisieren, dass kein Interesse an einer Unterhaltung besteht. Alle, die das als unhöflich empfinden, werden vermutlich bald auf unzähligen Spendensammler-Listen zu finden sein und ihr mühsam erarbeitetes Geld Organisationen überlassen, von deren Existenz sie bis dahin gar nichts wussten.

Spenden für gute Zwecke sind natürlich absolut in Ordnung – man sollte aber nicht zu allem „Ja“ sagen. Irgendwann sind die finanziellen Mittel ausgeschöpft und schließlich muss auch das eigene Leben noch finanziert werden.

Womit du auf Wiens Straßen rechnen musst

Ein Spaziergang über die Mariahilfer Straße kann schnell eine Geduldsprobe werden. Nicht nur die Menschenmassen – mit denen man ja sogar rechnet – sondern auch aufdringliche Menschen mit Klemmbrett können zur Herausforderung für das Nervenkostüm werden.

Was dich auf Wiens Straßen noch so alles erwartet und wie du unliebsame Situationen am besten vermeidest:

„Du hast sicher einen Moment Zeit!“

Sie stehen alleine oder in Gruppen, tragen manchmal auffällige Kleidung und haben immer ein Klemmbrett oder mittlerweile auch schon Tablets in der Hand. Die Rede ist von Spendensammlern. Haben sie einmal deine Aufmerksamkeit, ist das Entkommen schwierig. Vor allem an belebten Orten wie auf der Mariahilfer Straße, an Bahnhöfen oder vor Einkaufszentren lauern sie potenziellen Spendern auf.

Mariahilfer Straße

Der aufgeschlossene Waldviertler ist leichte Beute – wer jetzt nicht „Nein“ sagen kann hat’s schwer

Passanten, die nicht schnell genug reagieren um ein Telefonat vorzutäuschen, werden in Beschlag genommen. Mit Sätzen wie „Du hast sicher einen Moment Zeit!“, „Sind diese Schuhe aus Leder?“ oder „Ganz kurz nur“ nehmen Sie das Gespräch auf. Ehe man sich versieht wird man mit Zahlen, Daten und Fakten  überflutet – untermalt mit Bildern treuherzig schauender Pandabären. Wer jetzt nicht stark genug ist um „Nein“ zu sagen und weiterzugehen, steht 10 Minuten später auf der Spendenliste, hat noch vor Ort einen monatlichen Dauerauftrag abgeschlossen und sich obendrein zu einem freiwilligen sozialen Monat im Dschungel überreden lassen.

Lassen es die finanziellen Mittel zu, ist eine Spende für einen gemeinnützigen Verein natürlich eine gute Sache. Wenn man auf 20 Metern Fußweg jedoch von fünf verschiedenen Organisationen um eine Spende angeraunzt wird, kann man die grantelnden Wiener sogar etwas verstehen.

„Heast, host an Tschick fia mi?“

Die Wahrscheinlichkeit, als Raucher in Wien um eine Zigarette angeschnorrt zu werden, ist deutlich höher als im Waldviertel. Personen mit besonders dringendem Bedürfnis nach Tabak machen auch vor Nichtrauchern nicht Halt. Schon mehrmals wurde ich um eine Zigarette oder ein Feuerzeug gefragt. Bisher habe ich noch nicht herausgefunden, was an mir den Eindruck vermittelt, als hätte ich eine Zigarette einstecken.

Wer in seiner Zeit in Wien noch keinem Spendensammler in die Arme gelaufen ist und ein „Nein!“ daher immer noch als unhöflich empfindet, der hat für diese Situationen am besten ein Feuerzeug und ein Packerl Zigaretten griffbereit in der Hosentasche – auch als Nichtraucher.

Feuerzeug

Als hilfsbereiter Nichtraucher hat man natürlich immer ein Feuerzeug bei der Hand

Vertrauensgrundsätze?! Nichts für Wiener Autofahrer

Waldviertler Fahrschulen lehren, dass Fußgängern das Passieren eines Schutzweges ungehindert zu ermöglichen ist. In Wien vertritt man eher das Motto: der Stärkere gewinnt. Auch wenn ich einen Schutzweg, der nicht durch eine Ampel geregelt ist, selbstbewusst betrete – innerlich bin ich jederzeit bereit, mich mit einem waghalsigen Sprung vor einem herannahenden Auto in Sicherheit zu bringen. Menschen, die in Rest-Österreich aus dem Vertrauensgrundsatz im Straßenverkehr ausgenommen sind, sind in Wien jene, denen man am ehesten vertrauen kann. „Wien ist anders“ hat durchaus seine Berechtigung.

Dass es für den Autofahrer teuer werden kann, wenn er einen Fußgänger bei der Überquerung des Schutzweges behindert, hat sich in der Hauptstadt scheinbar noch nicht herumgesprochen. Wer keine Lust hat, die Reaktionsfreudigkeit der Autofahrer zu testen, wartet am besten, bis das herannahende Auto vorm Schutzweg angehalten hat und betritt erst dann die Straße. Bis das tatsächlich der Fall ist, kann es aber schon mal dauern – eilig sollte man es nicht haben.

Schutzweg

Beim Überqueren des Schutzweges immer ein Auge auf die Autofahrer haben – sicher ist sicher

„Ich bin so wütend, ich hab sogar ein Schild dabei“

Nicht immer ist man über die aktuelle Verkehrslage auf Wiens Straßen up-to-date. Oft ist es auch nicht notwendig – morgens und nachmittags der übliche Berufsverkehr, gelegentlich eine defekte U-Bahn, aber dazwischen läufts meistens ganz passabel. Wären da nicht die Demonstrationen, die zum ungünstigsten Zeitpunkt (nämlich dann, wenn man’s eh gerade eilig hat und deswegen mit dem Auto unterwegs ist) den halben Ring lahm legen. Jetzt ärgert man sich, dass man die Verkehrsnachrichten im Radio wieder einmal weggedrückt hat.

Freie Meinungsäußerung ist ein wertvolles Recht. Jeder sollte eine eigene Meinung haben und diese auch kundtun dürfen. Nur, muss es ausgerechnet donnerstags um 17 Uhr sein? Am Burgring? Wer sich das ersparen möchte, sollte vorab unbedingt einen Blick in die Verkehrsnachrichten werfen und notfalls eine Ausweichroute wählen.

Demonstration

Quelle: pixabay.com// Auch als Unbeteiligter stellt man sich oft die Frage: Wofür wird jetzt schon wieder demonstriert?

Ein Brett vorm Kopf haben

Was für andere eine Redewendung ist, wird in Wien jedes Jahr Realität. Gefährdete Spezies: Tagträumer und Smombies (= Menschen, die ständig aufs Smartphone starren und wie Zombies durch die Gegend irren).

Nach einem langen Tag an der Uni und voller Vorfreude auf ein kühles Zwettler daheim auf der Couch macht man sich Ende Oktober auf den Heimweg. Raus aus der U-Bahn, die Rolltreppe hinauf, raus aus der Station und dabei am Smartphone den neuesten Artikel auf waldviertler.wien lesen, schwungvoll um die Ecke biegen und – „Autsch!“. Unvermittelt läuft man gegen eine hölzerne Maroni-Hütte, die da heute morgen noch nicht stand.

Was im Herbst die Maroni-Hütten, sind im Frühjahr die Gastgärten, die wie von Zauberhand eines nachmittags am Weg nach Hause plötzlich den halben Gehsteig versperren. Wer kein Brett vorm Kopf haben möchte, richtet unterwegs seinen Blick lieber auch auf die Straße – nicht nur auf sein Smartphone.

Gastgarten

Wo man morgens noch unbeirrt durchmarschieren konnte, steht nachmittags plötzlich ein kompletter Gastgarten

Augen auf und den Humor nicht verlieren

Wenn du keine Lust auf eine nähere Bekanntschaft mit spendensammelnden Quasselstrippen oder rücksichtslosen Autofahrern hast, solltest du mit offenen Augen durch die Stadt gehen. Und falls du doch einmal unaufmerksam warst und dann fluchend im Auto sitzt, während eine Handvoll Demonstranten an dir vorbei zieht, hilft immer noch Humor: statt 10 Minuten bei guter Musik wartend im Auto könntest du auch gerade in Wien-Mitte vorm Einkaufszentrum stehen und dich davon überzeugen lassen, dass eine Spende für den Verein „Wir helfen blinden Maulwürfen“ dein Leben verändert.

 
 

veröffentlicht von david

11. Oktober 2018

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Es gibt sie fast überall in Wien: Die Citybikes. Sie sind eine einfache, kostengünstige und umweltfreundliche Möglichkeit, um an sein Ziel zu gelangen. Wie genau das System funktioniert, das erfahrt ihr hier.